Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Jedes Jahr kam sie an diesem Tag nach Kiel. Bei schlechtem Wetter reservierte sie im Restaurant einen Fensterplatz, bei schönem Wetter sass sie draussen auf der Terrasse. Sie nahm nie jemanden mit. Sie wollte nur dasitzen und aufs Meer hinaus schauen. Mit den Wellen auf Reisen gehen. Etwas, das sie seit seinem Tod nie mehr getan hatte. Denn sie wollte sich nicht vorstellen, das irgendeine Kreuzfahrt ohne ihn gelingen konnte. Ihre gemeinsame Zeit an Deck, wie sie die anderen Urlauber beobachtet hatten. Ihre Parfumtestreihen während die meisten anderen sich ausschliesslich für das alkoholische Sortiment interessierten. Und die Nächte... Julia seufzte ganz leise. Dann griff sie zu Block und Stift. Sie schrieb alles auf, was ihr einfiel. Erlebnisse aus dem vergangenen Jahr, Begegnungen mit den Lesern ihrer Bücher, Ideen für neue Projekte. Wie sie Kindern die Freude an der Literatur näher bringen könnte. Sie schrieb, bis das Mittagessen kam. Sie liess sich Zeit die Speisen zu geniessen. Sie gönnte sich einen Kaffee, eine Nachspeise - liess die Augen währenddessen kaum je vom Meer. Dann schrieb sie weiter, bis das Papier keine Worte mehr tragen konnte. Dann wusste Julia, was sie im kommenden Jahr zu tun hatte. Sie lass ihre Notizen gliederte sie in zwölf Monate, rief nach der Kellnerin und bezahlte. Julia verabschiedete sich vom Meer und verliess das Lokal.


 

Ich hatte heute etwas früher Feierabend und freute mich Zuhause einiges erledigen zu können. Voller Enthusiasmus marschierte ich mit der Schmutzwäsche auf die Maschine zu, schmiess den Tab in die Schublade, drückte auf den Knopf und - nichts passierte. Ich kontrollierte die Chipkarte bis mich die Nachbarin freundlich daran erinnerte, dass heute Nachmittag der Strom aus ist. Ich griff mir an den Kopf und ertappte mich einen Moment lang beim Gedanken an all die Dinge, die ich bis 16.30 Uhr nicht tun konnte. Dann ging ich zurück in die Wohnung und beschloss mich den kommenden Kolumnen zu widmen. Ich recherchierte mittels Handy nach kuriosen Feiertagen. Dabei stiess ich auf den "Gönn-Dir-was-Tag", der aus Amerika stammt. Der Eintrag machte mich nachdenklich. Denn alles, was man sich gönnen kann, ist mit Geld ausgeben beschrieben. Dabei hat mir die Stille des heutigen Nachmittags eines wieder mal sehr klar gezeigt: Der grösste Luxus in unseren Breitengraden ist Zeit. Sich selbst Zeit gönnen, ohne sie von Beginn weg mit Aufgaben und Erlebnissen zu füllen, wird immer mehr zur Kunst. Weil wir uns dann nutzlos vorkommen. Dabei würden wir vielleicht dank einer Ruhepause zu völlig neuen Erkenntnissen gelangen. Daher mein Appell an diese Woche: Gönnen Sie sich Zeit.


 

Wie so viele Tage, wurde auch dieser ins Leben gerufen, um auf Probleme in diesem Bereich aufmerksam zu machen. Dabei stelle ich mir gerade vor, wie zwanzig bis dreissig Erwachsene (männlich und weiblich) in Schlafsäcke gekuschelt auf dem Fussboden einer Bibliothek liegen und Gute-Nacht-Geschichten lauschen. Wie schwierig könnte Einschlafen noch sein, wenn einem jemand "Pippi Langstrumpf" oder "Lukas der Lokomotivführer" vorliest? Oder wie wäre es mit Otfried Preusslers kleinem Gespenst? Ich würde für derlei Experimente keine Erwachsenenbelletristik empfehlen. Denn ich glaube neben den Helden unserer Kindheit haben weder Bürosorgen noch finanzielle Fragen Platz. Wie viele Teilnehmende würden in der Welt der Literatur wohl eine erstaunlich erholsame Nacht verbringen? Wer weiss, vielleicht wagt die eine oder andere Bibliothek dereinst einen Versuch...


 

Als ich klein war, sind öfter Piratenfilme im Fernsehen gelaufen. An Inhalte erinnere ich mich nicht wirklich. Aber die Gestalten in leicht schmutzigen Hemden mit Augenklappe und Kopftuch. Ich wollte nie so werden - doch die grossen Reisen in ferne Länder habe ich fleissig mit meinen Barbie-Puppen inszeniert (auch in der Badewanne). Weite Reisen gehören heute im Regionaljournalismus nicht unbedingt zu meinem Tagesgeschäft. Doch wenn ich mit meinem Mann Richtung Norden in seine Heimat fahre, nehmen wir immer die Fähre von einem Land ins andere. Die Fahrt übers Meer, der Blick auf die Wellten weckt in mir ein unglaubliches Glücksgefühl. Der Blickwinkel auf die sonst gewohnte Umgebung ändert sich. Vielleicht sollte man den Tag der Seefahrer genau damit feiern und irgendetwas unternehmen, das die Perspektive verändert. Wo das Meer nicht um die Ecke liegt, könnte ein See weiterhelfen und auch die Kraft der Badewanne ist nicht zu unterschätzen. Ahoi liebe Seefahrer!