Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Ich hatte in der Bezirksschule eine Lehrerin, die ihren eigenen Vornamen nicht wirklich mochte. Sie hat dann irgendwann, als sie sich ausführlicher damit befasst hat, beschlossen ihn zu ändern. Nicht komplett, sondern ein Wechsel der Version zu Rätoromanisch. Ich fand ihren Namen eigentlich schön. Mit meinem eigenen hatte ich mich da schon angefreundet. Auch wenn ich ihn als kleines Mädchen zu fremd und kompliziert fand. Heute ist davon keine Rede mehr. Vielleicht ist der "Wähle-dir-deinen-Namen-Tag" am 9. April darum ganz praktisch. Man kann einen Tag lang jemand anderes sein. Oder dem eigenen Eigenschaftenpaket eine neue Etikette verleihen. Doch man muss sich nicht festlegen. Man kann die entstehenden Gefühle beobachten, vielleicht seine Lehren für den Alltag daraus ziehen. Und wem der getestete Name langfristig gute Dienste leistet, der kann sich immer noch für eine komplette Änderung entscheiden.


  

"Guten Abend". Keine Reaktion, ohne sie anzusehen ging der Kunde an ihr vorbei zum Kartenlesegerät. "Deine blöde Karte reagiert erst, wenn ich alle Produkte eingelesen und auf Endsumme gedrückt habe", dachte Lena wütend, während sie sein Klopfen der rechten Hand auf der Apparatur wahrnahm. "Hier bitte ihr Kassenzettel." Er griff ohne ein Wort nach dem Papier. Lena atmete tief durch. "Wie wäre es, wenn man einen Tag im Jahr alle Unsichtbaren feiern würde?" dachte sie bei sich. Alle Kassiererinnen, Putzfrauen, Toilettenwarte und Müllabholer bekämen für ihren Einsatz an diesem Tag Applaus. Sie würden mit Blumen, einem Festessen oder einer Autofahrt mit Chauffeur beschenkt. Bei den Gedanken lächelte sie vor sich hin. "Guten Abend", grüsste der Kunde sie bevor er die Lautsprecherbox aufs Kassenband hievte und dahinter verschwand. "Guten Abend", antwortete Lena und dachte glücklich: "Na bitte, geht doch."


 

Als ich bei meinen Kolumnenrecherchen auf diesen Tag gestossen bin, habe ich gestaunt. Denn mein erster Einfall, dass die Menschen an diesem 17. April ihr eigenes dummes Gequatsche huldigen, war falsch. Stattdessen schlagen die Schöpfer Ruth und Tom Roy vor, man solle den Tag nutzen, all das umzusetzen, womit einem die lieben Mitmenschen tagtäglich volldröhnen: Mit dem Rauchen aufhören, Müll raustragen, zum Friseur gehen... Da gibt es eigentlich nur zwei Schwierigkeiten: Will man mit so Alltäglichem wirklich immer bis zu diesem Datum warten? Beziehungsweise Aspekt Nummer zwei: Die wirklich guten Projekte, zu denen uns wahre Freunde zu motivieren versuchen, kriegt man einfach nicht innerhalb eines Tages realisiert.


 

Carolin drückte den Kopf in ihr Spiderman-Kissen. Sie wollte nichts mehr davon hören. Schlimm genug, dass es in Algebra wieder nur für eine 3 gereicht hatte, obwohl sie tagelang gelernt hatte. Da musste auch noch der Deutschlehrer im Bezug auf ihren Berufswunsch vor der ganzen Klasse verkünden: "Wissen Sie, ich habe selbst im Journalismus gearbeitet. Das ist ein hartes Pflaster. Sie sollten noch einmal darüber nachdenken, ob das wirklich das Richtige für Sie ist." Als ob sie ihren Berufswunsch im Lotto gewonnen hätte. Mitten in ihrem Groll war Carolin eingeschlafen. "Peter, Peter, das Essen steht in einer halben Minute auf dem Tisch - würdest du endlich deinen Hintern her bewegen." Carolin glaubte nicht, was sie da tat und noch weniger, was dann passierte. Peter Parker streckte seinen Kopf zur Tür rein. "Bin gleich da Schatz, muss mich nur kurz umziehen." "Falls du denkst, dass das Steak besser wird, wenns kalt ist, irrst du dich. Lass deine blöde Spiderman-Hose an. Du kannst doch einfach eine Serviette drauflegen." Peter tapste umgehend in die Küche. "Du hast selbstverständlich recht, was das Steak betrifft. Aber..." er machte eine effektvolle Pause bevor er weitersprach: "das ist keine blöde Spiderman-Hose. Nimm das also zurück." Carolin war mit einem Schlag wieder wach. Sie hob den Kopf und blickte auf das Kissen: "Das ist keine blöde Spiderman-Hose", hörte sie sich selbst in beruhigendem Ton murmeln.