Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

 


 

Diese Ringpost an Robert wirkte auf Lena ebenso beängstigend wie befreiend. In einem Moment fürchtete sie sich vor der Reaktion ihres Noch-Ehemannes, wenn er das Kuvert bekam. Auf der anderen Seite klopfte ihr Herz beim Gedanken an Luis. Eine erste Ernüchterung folgte, als Marina und Lena am Samstagabend die Sporthalle hinter der Dorfkneipe betraten. Die Helligkeit im Raum wirkte, als hätten ein paar Lehrer die Schulzimmer dekorieren lassen. In einen Schiffsbug eingebaut befand sich die Bar. Luftballons und Girlanden verstärkten den ersten Eindruck vom Kindergeburtstag. Marina langweilte sich schnell und motzte: «Die Jungs hier stehen ja alle noch unter Welpenschutz.» Den roten Teufel, der sich auffällig unauffällig immer näher schlich, ignorierte sie geflissentlich. Das schreckte ihn jedoch nicht ab. «Ich finde es super, wenn sich eine Frau mit Figur in ein sexy Outfit traut.» «Lass uns ein Taxi rufen», zischte Marina. Lena zögerte. «Auch wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass er auftaucht, weisst du doch gar nicht, was du dann tun willst.» Provozierend sah Marina ihrer Schwester in die Augen. Dann rief sie die Taxizentrale an. Kaum hatte sie aufgelegt, kamen Luis und seine Kameraden zur Tür herein. Er steuerte direkt auf sie zu. Lena fasste sich ein Herz und zog ihn in eine Ecke. «Hör zu, die Stimmung hier ist miserabel. Marina und ich wollten uns gerade auf den Heimweg machen. Aber …», sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach, «eigentlich bin ich sowieso wegen dir hier. Unser Gespräch geht mir nicht mehr aus dem Kopf.» Sie holte tief Luft. «Also haben wir jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder du bleibst hier und feierst mit deinen Kumpels. Oder wir besorgen uns zwei Bier für den Heimweg, warten, bis das Taxi für Marina da ist, und laufen dann nach Hause.» «Du bist wegen mir hier?» Luis sah sie kurz wortlos an. «Ich geh zwei Bier holen.» Lenas Herz klopfte. Zehn Minuten später standen sie draussen und warteten aufs Taxi. Marina konnte sich ein Grinsen sichtbar knapp verkneifen, als sie abgeholt wurde. «Euch soll ich nicht mitnehmen?», fragte der Taxifahrer. «Wir laufen», antwortete Lena rasch. Der Chauffeur schien zu verstehen. Er schmunzelte: «Schönen Spaziergang.»

Als das Auto um die Ecke gebogen war, griff Luis nach Lenas Hand und sie machten sich auf den Weg. «Was hat dich denn beschäftigt, wenn du an mich gedacht hast?» Er sah sie von der Seite an. Sie antwortete, ohne nachzudenken: «Du warst der Erste, der mich nach der Trennung gefragt hat.» Ein paar Schritte Schweigen. «Ich weiss halt, dass es weh tut – und wie schwierig es ist, sich vom Partner zu lösen. Aber ich denke, wenn ein Mann seine Frau einmal betrügt, wird er es wieder tun. Ich glaube nicht, dass sich das mehrfach verzeihen lässt.» «So weit bin ich noch gar nicht. Mich verletzt die Lüge. Ich meine, sich neu zu verlieben, kann jedem passieren. Aber er hätte doch einfach die Wahrheit sagen können.» «Hast du deinen Mann jemals betrogen?» «Ich hätte gar nicht gewusst wie.» Lena entschloss sich zur ganzen Wahrheit. «Ich habe Robert mit 18 Jahren kennengelernt. Er war mein erster Partner.» Luis’ Hand schien Lenas noch stärker zu greifen. «Er hat sich deines Vertrauens nicht würdig erwiesen.» Diesmal dauerte das Schweigen länger, bis er unvermittelt fragte: «Sag mal, hättest du was gegen einen Zwischenstopp? Es ist brutal kalt und ich kenne gleich um die Ecke noch eine kleine Bar.» Lena schüttelte den Kopf: «Nein, ist okay.» Das «Thailand» hatte den Charme eines Strip-Lokals mit Hinterzimmer. Sie setzten sich an die Bar. Er bestellte ein Bier, sie blieb beim Ice-Tea. Er sah ihr in die Augen. «Wenn du mit jemandem eine Nacht verbringen wolltest, was wären deine Spielregeln?» Lena verschluckte sich fast. Er lachte, klopfte ihr fröhlich auf die Schultern. Sie versuchte, sich möglichst wenig ihre Scheu anmerken zu lassen. «Es sollte klar sein, dass alles passieren kann, aber nichts muss. Es geht nicht um Liebesgeständnisse. Und wir leben im Zeitalter von Aids, Kondom ist also Pflicht. Ausserdem fänd ichs gut, wenn man sich danach auch noch grüssen könnte, wenn man sich wieder über den Weg läuft.» Luis’ Gesicht blieb fröhlich, Lena war nicht klar, ob er sich gerade ein Lachen verkniff. «Also mit einer Frau wie dir würde ich gerne eine Nacht verbringen.» Er legte ihr die Hand in den Nacken, zog sie näher zu sich heran und sah sie ernst an: «Was meinst du, wollen wir beide es mal miteinander versuchen?» Sie hatte kaum genickt, da küsste er sie. Leidenschaftlich. Sein Kuss schmeckte gut, anders als sie es sich vorgestellt hatte. Warm – wie eine Decke, in die man sich einhüllt, wenn man sich vor der Welt verstecken will. Lena hatte dieses Gefühl vermisst, Robert war ihr schon lange nicht mehr so nah gekommen. Sie war froh, dass es in der Bar so dunkel war und er nicht sehen konnte, wie rot sie geworden war. «Aber es kann sein, dass mich meine Courage vor der Haustür verlässt und ich dich nach Hause schicke. Könntest du damit leben?» Kein Zögern. «Ja, das könnte ich. Wenn es dir zu schnell geht, kann ich mir sehr gut vorstellen, kuschelnderweise mit dir auf der Couch zu sitzen.» Die Antwort klang gut, aber war sie realistisch? Lena war sich nicht sicher – aber was bedeutete das schon. Diesmal küsste sie ihn. Lena und Luis zahlten, machten sich eng umschlungen wieder auf den Weg. Kurz vor dem Ziel fiel ihr ein: «Du, in meiner Wohnung gibt es gar kein Bett.» Luis’ schlichte Reaktion: «Klingt spannend.» Es war zwei Uhr nachts, als sie vor Lenas Haustür standen. Luis blickte sie an: «Was denkst du? Komme ich mit rein?» «Ja», Lena hatte aus tiefster Seele genickt.

Lena schloss auf, machte Licht. Luis folgte ihr, hängte seine Lederjacke an die Klinke der Haustür. Er machte ein paar Schritte durch den Raum, bevor er sich auf die Couch fallen liess. Sie tat es ihm nach. «Und wie machst du das jetzt mit dem Schlafen?» Lena stand wieder auf, öffnete die Tür eines Einbauschrankes, nahm das Bettzeug heraus, legte es auf die zweite Couch, blieb stehen. Luis zog sie am Handgelenk. «Hey, alles in Ordnung? Ich bin da, egal was passiert.» Er sah sie offen an. Sie liess sich in die Polster sinken, vergrub sich in seinen Armen. Er küsste ihre Haare, ihren Nacken, ihre Schultern. Es fiel ihr schwer, sich zu lösen – auch nur für einen Moment. Sie löschte das Hauptlicht, zündete eine Kerze an, setzte sich wieder. Luis rückte vorsichtig näher. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, bevor die Lippen sich wieder fanden. Lena schloss die Augen, wollte aufhören zu denken. Irgendwann in einer verküssten Ewigkeit spielten die Hände mit. Grosse, warme Hände – auf den Schultern – im Nacken – auf den Hüften. Luis zog sie aus, ganz langsam. Ihre Scheu war hartnäckig. Stockte ihr der Atem, liess er die Hände ruhen, ohne Worte, ohne Hast. Lena tat es ihm mit geschlossenen Augen nach. Sie wollte nicht wissen, wie er ohne Jeans und T-Shirt aussah. Kein Gedanke – nur Gefühl. Die Körper fanden sich und irgendwann hörte die Welt in einem Moment auf zu sein.

Als der Verstand seine Arbeit wieder aufnahm, fühlte Lena sich furchtbar nackt und ausgeliefert. «Ich geh ins Bad». Ohne auf seine Reaktion zu achten, verzog sie sich unter die Dusche. Mit Slip und Hemd zumindest halbwegs angezogen, trat sie zurück ins Zimmer. Wo war er? Ein kalter Windhauch zeigte Lena, wo sie Luis suchen musste. Er stand auf der Terrasse. «Mann, so viele Sterne.» Sie seufzte erleichtert. «Sag bloss, die hast du erst heute entdeckt.» Sie linste unter dem zur Hälfte hochgezogenen Rollladen nach draussen. Luis trug Jeans und Schuhe. «Komm rein, bevor du dir den Tod holst.» «Klar, wollte nur ne Zigarette rauchen.» Er grinste. «Und deine Wohnung ist doch rauchfrei.» Lena nickte, den Kopf unter der Decke hervorgestreckt. «Kommst du wieder zu mir?» «Gerne», Luis schlüpfte aus den Hosen und zurück unter die Decke. Sie schmiegte sich an ihn. Er fuhr durch ihre Haare, sie legte den Kopf in seine Hand. «Ich frage mich, wie es dir geht.» «Ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Da spielt sich gerade ein Riesenfeuerwerk ab, das ich nicht wirklich fassen kann.» «Schön.» Luis schmunzelte leicht. «Warum lachst du?» «Ein Feuerwerk ist doch eine wunderbare Erklärung für dein Temperament.» «So, so», Lena verbarg ihr Gesicht, um die Röte geheim zu halten. Langsam wurde sie schläfrig. Aber wollte sie wirklich neben Luis aufwachen? «Sag mal, wäre es in Ordnung, wenn ich dich nach Hause schicke?» «Das ist kein Problem, schöne Frau, möchtest du schlafen?» «Ja, langsam werde ich müde.» «Dann gehe ich noch kurz ins Bad und verabschiede mich dann.» «Kriege ich in der Zwischenzeit dein Handy?» Er verstand nicht. «Ich will meine Nummer bei dir abspeichern.» Er reichte ihr sein Telefon. Als er fertig angezogen vor ihr stand, gab sie ihm das Handy zurück. «Schick mir eine SMS, wenn du nach Hause kommst.» Er lachte und zog sie zum Abschiedskuss noch einmal ganz an sich heran. Die Berührung schickte bunte Blitze durch Lenas Körper, sodass sie sich einen Moment überlegte, ob sie Luis wirklich gehen lassen sollte. «Ich schick dir eine SMS, aber du weisst, dass ich schon gross bin, oder?» Er hatte etwas an sich, was sie ständig lächeln liess. Aber die Müdigkeit siegte. Und als Lena eine Viertelstunde später seine Nachricht erhielt, schlief sie ruhig ein.