Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Täglich werden 6000 Mädchen Opfer genitaler Verstümmelungen. Eine von ihnen ist Waris Dirie, die nicht nur durch ihren autobiographischen Roman "Wüstenblume" weltbekannt wurde, sondern schon zuvor als Model zu grossem Ruhm gelangte. Sie schilderte ihre Geschichte und nahm damit den Kampf gegen das Schweigen auf, das diese Misshandlung von Mädchen und Frauen erst möglich macht. "Schmerzenskinder" ist eigentlich nicht in erster Linie ein literarisches Werk, sondern ein journalistisches. Waris Dirie schreibt über ihre Beobachtungen in Europa, über die Tatsache, dass die Verletzungen des weiblichen Geschlechts auch ihr hier praktiziert werden und die gesetzlichen Grundlagen kaum Möglichkeiten bieten dagegen vorzugehen. Die historischen Fakten zeigen, es handelt sich keineswegs um ein importiertes Problem. Bedrückend, aber auch befreiend, das Buch ist trotz des sehr ernsten Themas erstaunlich leicht zu lesen. Vielleicht, weil es dazu auffordert, nicht zur hinzusehen und wahrzunehmen sondern in den Dialog zu treten. Mit Opfern, Tätern, Gerichtsbarkeiten - auf dass die Tradition der genitalen Verstümmelung von Frauen so schnell als möglich aussterben möge.


 

Das Buch wurde mir empfohlen, weil es aus der Perspektive des Tieres geschrieben sei und darum den Blick schule. Ich habe die Geschichte vom Grauen oder von Tapfer, wie er zum Schluss getauft wird, gerne gelesen. Aber was die Erzählweise betrifft, blieb eine Unsicherheit zurück. Ich googelte. Wikipedia formulierte es so: "Die Erzählperspektive ist eine Antwort auf die Frage: Was kann der Autor wissen?" Diese Definition zeigt die Schwierigkeit von "Hundeherz". Kein Mensch kann wirklich wissen, was in den Vierbeinern vorgeht. Da wird zu Beginn, als Grauer verschwindet, die auktoriale Erzählweise verwendet. Dann ergänzt Ekman eine Passage, die eigentlich den Hundeblickwinkel schildert: "Er rannte aus reinem Spass an der Freude. In seinem Körper sangen der Mondschein, die Kälte und die Geschwindigkeit. Es gab keine Grenze, keinen Wald, kein Ufer. Ohne dass er es wusste, lief sein Körper eine Schleife für ihn, eine hingestreckte, liegende Acht im blauweiss funkelnden Harsch." Wenn der Hund es nicht weiss, was interessiert es mich als Leser? Einmal beschreibt die Autorin die Lebensweise der Vögel, philosophische Passage, aber der Hund ist eigentlich mit sich selbst beschäftigt - es dürfte ihn kaum tangieren. Diese Ausschnitte lassen mich zweifeln. "Hundeherz" ist eine wundervolle Idee, deren Umsetzung jedoch mit Sicherheit schwieriger ist, als man es sich im ersten Enthusiasmus vorstellt.


 

Eines von Haileys frühen Werken, 1959 noch vor dem später verfilmten "Hotel" erschienen. Doch schon dieses Buch zeigt Haileys Spezialität: Er sucht sich einen beruflichen Mikrokosmos, den er dann als Ganzes möglichst detailgenau abzubilden versucht. In "Letzte Diagnose" dreht sich alles ums Three Counties Hospital in Pennsylvania. Dort steht ein Generationenwechsel an. So treten die Protagonisten O'Donnel und Pearson gegeneinander an, während Lernschwester Vivian durch Krebs ihre grosse Liebe und ein Bein verliert. Hailey gelingt es Leben einzufangen, weil seine Figuren niemals ohne Hacken sind. Hinzu kommt, dass der Roman über 50 Jahre alt ist und darum auch einen historischen Rückblick bietet - Telegramm statt SMS um nur ein Beispiel zu nennen. Die zwischenmenschlichen Momente sind ohne Schönfärberei und doch sind einem auch die düsteren Gestalten sympathisch. Hailey ist ein Künstler, ein Buch, das ich aus Überzeugung weiterempfehle.


 

Ich liebe Astrid Lindgren, aber mit Karlsson bin ich noch nicht wirklich warm geworden. Der Mann in den besten Jahren kommt eines Tages ins Zimmer von Lillebror Svantesson geflogen und die beiden freunden sich an. Und das obwohl Karlsson eigentlich ständig etwas von Lillebror will, sein Spielzeug, seine Süssigkeiten, sein Entgegenkommen. Es ist als würde er all unsere Trotzmomente spiegeln. Jene Augenblicke wo wir selbst denken: Nein, wenn der so mit mir spricht, mach ich das nicht. Oder: Ich will den Dessert nicht teilen, ich will den allein verspeisen. Seine Unbekümmertheit hat ja auch etwas Beeindruckendes. Er lässt sich von den Dieben nicht ins Bockshorn jagen, sondern überlegt, wie er sie verscheuchen könnte. Ich habe mir vorgenommen, das Buch mit meinen Neffen zu lesen. Und ich bin gespannt, wie sie auf Karlsson reagieren.