Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Lenas erster Gang, nachdem sie den Wecker ausgemacht hatte, ging ins Bad zum Medizinschrank. Sie schluckte ein Aspirin und stellte sich unter die Dusche. Mit Dar-Vidas und der Aspirinschachtel in der Tasche machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Beim Umsteigen am Kiosk besorgte sie sich noch eine Flasche Cola. Das sollte für den Tag reichen, dachte sie. In der Kaffeepause nahm sie ein zweites Aspirin und seufzte. Mit dem Fortschreiten des Tages schlichen sich immer mehr Gedanken an den Barkeeper von gestern ein. Und beim Dar-Vida-Kauen über Mittag zog sie die Visitenkarte aus dem Portemonnaie und ihr Handy aus der Tasche. «Ich kann nicht viel mehr als Danke sagen», schrieb sie. Er antwortete prompt: «Kein Problem. Ich möchte von dir hören, wenns dir besser geht als heute. Ich nehme an, das Bier von gestern wirkt noch.» «Dem ist so. Ich weiss zwar nicht so genau, was du später von mir hören willst. Aber ich melde mich.» «Gut, bis dann.» Lena steckte das Handy weg und musste trotz der unerfreulichen Gesamtsituation schmunzeln. Mit so vielen Männern wie in den letzten Wochen habe ich mich die letzten zehn Jahre nicht unterhalten.

Nach der Arbeit ging sie einkaufen und versuchte ganz vernünftig zu sein: Vollkornbrot, Obst, Pouletfleisch und schwarze Schokolade. Zu Hause kontrollierte sie erst, ob Tür und Fenster tatsächlich geschlossen waren, bevor sie sich einen Obstsalat machte. Sie dachte an Luis und die wohlige Wärme, als sie in seinen Armen gelegen hatte. Sie schrieb ihm: «Hey Grosser, habe gerade an unsere Nacht gedacht. Würde gerne wieder in deinen Armen liegen, was hältst du von der Idee?» Ganz schöner Kitsch, dachte Lena. Trotzdem hoffte sie auf Antwort. Mit Herzklopfen, wie sie sich ungern eingestand. Der Obstsalat war aufgegessen, das Handy schwieg vor sich hin. Lenas Herz klopfte nach wie vor. Gleichzeitig hätte sie heulen können. «Dumme Kuh», schallt sie sich laut. «Hast du gedacht, der kommt jetzt einfach, weil du es dir gerade wünschst?» Lena stand auf und brachte die Küche in Ordnung. Eigentlich musste sie Wäsche waschen. Aber die Waschküche lag einen Stock tiefer. Das Licht im Hausflur blieb nicht lange genug an, um eine Maschine einzuwerfen und wieder hinauf in die Wohnung zu kommen. Irgendwann wurde es immer dunkel und die Nischen unter den Treppen waren unübersichtlich. Lena konnte sich noch so oft sagen, dass Robert jemanden hätte abpassen müssen, um reinzukommen. Dass es unwahrscheinlich war, dass er so lange gewartet hatte. Die Angst sass ihr im Nacken, als sie sich die Treppe hinunter zwang. Als die Wäsche drin war, ging sie zügig und mit kräftigen Schritten zurück in ihre Wohnung. Sie schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch. Lena sank auf die Couch. Wohl bewusst, dass ihre Ängste, die gefühlte Bedrohung, die Grenze des Rationalen sprengten. Gleichzeitig konnte sie sich ihrer nicht erwehren. Sie schrieb Marina. Es half nicht. Da trat sie wieder aus der Wohnung und klingelte bei ihren Nachbarn. Marco öffnete. «Hey, schöne Frau, lässt du dich auch mal wieder blicken?» Lena fiel ihm wortlos um den Hals. Etwas überrumpelt legte er den Arm um sie, klopfte ihr beruhigend auf den Rücken. «Lass uns mal reingehen.» Lena stolperte still ins Wohnzimmer und auf die Couch. Martin legte ihr eine Wolldecke um. «Robert oder Luis?» Lena versuchte zu lächeln. «Der Noch-Ehemann. Er hat sich gemeldet, nachdem er das schriftliche Scheidungsbegehren von meinem Anwalt gekriegt hat. Neben dem Grab meiner Mutter sei noch Platz.» «Drecksack», Marco war rot angelaufen. Martin hatte tröstend den Arm um Lenas Schultern gelegt. Lena atmete tief durch. «Ich wollte es euch eigentlich nicht erzählen. Aber jetzt denke ich, sechs Augen sehen mehr als zwei. Und vielleicht könnte ich ja mal Geleitschutz kriegen. So zum Beispiel jetzt, wo eigentlich die Wäsche schon lange fertig wäre.» «Steht der Wäscheständer in deiner Wohnung, wo man sie aufhängen kann?» Marco war aufgestanden. Lena nickte. Jetzt weinte sie doch, obwohl sie mit aller Macht versucht hatte, sich zu beherrschen. Martin strich ihr mit ruhigen, gleichmässigen Bewegungen über den Rücken. «Du weisst, dass du hier schlafen kannst?» «Ja, und einerseits wäre das wunderbar. Aber es kann doch nicht sein, dass der Mistkerl mich aus meiner eigenen Wohnung vertreibt. Dem ersten Ort, den ich für mich allein hatte, an dem ich entschieden habe.» Lena ballte die Fäuste und schluchzte. Martin schwieg, bis sie sich wieder beruhigt hatte. «Ich finde es gut, dass du wütend bist.» Sie hatte nicht wahrgenommen, dass Marco ihr wieder gegenübersass. «Du brauchst nicht mehr nach seinen Regeln zu spielen.» Lena atmete durch. «Theoretisch weiss ich das. Trotzdem packt mich manchmal unvermittelt die Panik. Ich kriege Verfolgungswahn. Ich hab Angst davor, aus der Tür zu gehen. Kannst du dir das vorstellen? Dabei war ich genau darauf immer stolz. Dass ich mich nicht habe aufhalten lassen.» Jetzt mischte sich Martin ein. «Und das ist heute noch so. Du hast deine Freiheit vielleicht für ein paar Jahre aufgegeben. Aber das heisst nicht, dass du keine mehr hast.» Marco stand auf. «So, ich sorge jetzt für Nervennahrung und dann wird geschlafen.» Als er die dampfenden Becher mit der heissen Schokolade auf den Tisch stellte, fragte er: «Bleibst du bei uns oder machen wir die Eskorte zu deiner Wohnung?» «Inklusive Baseballschläger neben dem Bett und unserem Türschlüssel an deinem Bund», fügte Martin hinzu. Marco knuffte seinen Liebsten in die Seite. «Ich dachte, du bist Pazifist?» «Reicht doch, wenn das einer von uns übernimmt.» Lena musste lachen. Die heisse Schokolade tat ihre Wirkung, sie entspannte sich etwas. «Ich möchte in meiner eigenen Wohnung schlafen», sagte sie und stellte den Becher aufs Tablett. «Okay, wir bringen dich.» Zehn Minuten später lag Lena, von einem Baseballschläger bewacht, auf ihrer Couch.


 

Am Montag rief sie in der 9-Uhr-Pause ihren Anwalt an und schilderte ihm die Sachlage. «Es verhält sich genau gleich wie bei der ersten Drohung. Wir haben zwei Möglichkeiten: Wir können Ihren Mann anzeigen. Die Drohung ist eine Straftat. Dann wird ein Verfahren eingeleitet und wenn er verurteilt wird, muss er wahrscheinlich mit einer Geldstrafe rechnen.» «Ich kann ihn also nicht daran hindern, in die Schweiz zu kommen?» Es war mehr Feststellung als Frage, doch wie erwartet, antwortete Marco Caruso: «Nein. Und wenn eine schnelle Scheidung Ihr Ziel ist, würde ich auch in diesem Fall von einer Anzeige absehen.» Beide schwiegen einen Moment. «Sie können mir das Mail weiterleiten und ich werde einen weiteren Warnbrief verfassen und ihm die gerichtlichen Konsequenzen klarmachen. Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind?» Lena hatte bereits ein paar Mal resigniert genickt, bis ihr klar wurde, dass ihr Anwalt das ja nicht sehen konnte. «Ich leite Ihnen alles weiter, wenn ich heute nach Hause komme.» «Gut dann schicke ich Ihnen eine Kopie von dem Dokument, das ich versende. Sie hören von mir, sobald es etwas Neues gibt.» «Ich danke Ihnen, eine gute Woche.»

Lena legte auf. Sie fühlte sich, als hätte jemand den Stecker gezogen. Die Energie wich, die Figur lief mit Notstrom. Nur die Angst liess das Licht in den Augen immer wieder flackern. Lena setzte sich an den Computer, öffnete die nächsten Belege, hackte sich durch den Tag. Das Gefühl von Feierabend löste keine Vorfreude aus. Sie sass im Bus, dumpf und taub, fuhr einfach an der Haltestelle vorbei, die auf der gegenüberliegenden Strassenseite ihrer Wohnung lag. Wie ein verwundetes Tier suchte sie Schutz in einer Höhle. Ihre Wohnung kam dafür gerade nicht infrage. Hier hatte Robert Platz genommen und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn loswerden sollte. Sie war in Baden angekommen. Stand vor dem «Lights out». Eine Bar? «Scheiss drauf», fluchte sie laut, trat ein und setzte sich an den Tisch neben dem Eingang. So konnte sie immer sehen, wer reinkam. «Was kann ich dir bringen?» Lena hatte vor Schreck die Faust vors Gesicht gehoben. Doch der Barkeeper lächelte sie einfach aus seinen zwei graublauen Augen an, bis sie sich gefangen hatte. «Ein grosses Bier.» «Gern.» Federnden Schrittes drehte er sich um. Lena sah sich um. Hier hatte sich einiges verändert. Was früher eine dunkel-düstere Kneipe gewesen war, in der man knapp den Weg zur Toilette erkannte, war heute von grossen und kleinen Kristalllüstern erleuchtet. Die Wände in einem Hauch von Sonnengelb gestrichen, von zart sandfarben marmorierten Tapeten unterbrochen, Spiegel von goldenen auf Barock getrimmten Rahmen gehalten – «Bitte sehr», unterbrach der Barkeeper ihre Gedanken. Sie hob das Glas, setzte es mit halbem Inhalt wieder ab und beobachtete die Szenerie.  Bauarbeiter, Manager, kichernde Girlies und overdressede Hausfrauen traten ein. Lena konnte den Blick nicht von ihnen nehmen. Einmal im Monat wollen sie das Einerlei aus Abendessen kochen, Hausaufgaben abhören, Kinder zu Bett bringen und Gute-Nacht-Krimi durchbrechen, indem sie hierherkommen. Sie flirteten mit dem Barkeeper, kicherten, wenn er sie mit Namen ansprach, bevor er ihnen das Getränk servierte. Er war auch faszinierend, das musste Lena zugeben. Noch nie hatte sie bei einem Menschen an den Begriff Lichtgestalt gedacht. Hier drängte er sich auf. Vielleicht einsfünfundsechzig gross, wohlproportioniert, mit Muskeln an genau den richtigen Stellen, blondem Haar und heller Kleidung bestimmte er das Geschehen in der Bar. Er begrüsste jeden Gast persönlich, kannte ihre Trinkgewohnheiten und liess niemanden lange warten. Das galt auch für Lena. Kaum hatte sie mit dem Finger auf ihr leeres Glas gezeigt, brachte er ihr Nachschub. Doch er bewegte sich niemals hastig.

Das Bier tat seine Wirkung. In Lenas Bauch war es warm geworden. Zwischen sie und die Angst hatte sich ein Schleier geschoben. Die Hausfrauen unterhielten sich mittlerweile darüber, wie man den Ehemann nach zehn Jahren noch dazu kriegen könnte, seine Socken in den Wäschekorb zu legen. Lena erinnerte sich. Robert hatte sich nach Auffahrt einige Tage frei genommen. Sie selbst arbeitete zu dieser Zeit in einer PR-Agentur. Es schien ihr die nächstmögliche Variante zum Traumberuf Journalistin. Doch der Job glich eher einem Alptraum. Während gut 60 Stunden in der Woche hörte Lena unzählige Mal von ihrer Chefin: «Das taugt nichts. Du musst dir vor Augen halten, für wen du schreibst, das scheinst du leider immer noch nicht verstanden zu haben.» Lena gab nicht auf. Wenn sie abends nach Hause kam, war sie immer öfter alleine. «Ich weiss ja nicht, wann du kommst, also, worauf soll ich warten», lautete Roberts Erklärung. «Bis du gekocht hast, wäre ich ja verhungert.» An jenem Abend war es acht Uhr. Sie schloss die Tür auf, das Haus war dunkel. Sie drückte auf den Lichtschalter. Kein Zettel an der Garderobe. Lena hängte ihren Mantel auf, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Leer. Dass kein Brot mehr da war, wusste sie schon. Ihr Magen knurrte. Sie holte einen Topf aus dem Schrank und setzte Wasser für die Nudeln auf. Mit etwas Bratensauce war das essbar. Bis das Wasser kochte, zog sie sich um. In Jogginghose und T-Shirt setzte sie sich vor den Fernseher, sah sich einen Liebesfilm an, während sie die Nudeln vor Hunger in sich reinschaufelte. Kurz vor 21 Uhr betrat Robert das Wohnzimmer, warf Lena einen Blick zu. «Genau so hatte ich mir das vorgestellt», sagte er höhnisch und verliess den Raum wieder. «Wetten, du hast gerade Ärger mit deinem Freund?» Der Barkeeper lächelte sie an. «Wette verloren, ich bin Single.» «Und warum schaust du dann so trübsinnig in das leere Bierglas?» «Weil mein Noch-Ehemann es nicht lassen kann, mir das Leben schwer zu machen. Er zählt mich zu seinem Besitz. Und wenn da was abhandenkommt, ist der Teufel los.» «Du hast Angst.» Es war eine Feststellung, keine Frage. Lena sah in ihr Bierglas und zuckte mit den Schultern. Der Barkeeper drehte sich um und rief seiner Kollegin zu: «Nina, ich bring die Lady mal kurz nach Hause.» Damit hatte Lena nicht gerechnet. Doch die Dumpfheit, die das Bier in ihrem Kopf hinterlassen hatte, liess sie nur langsam reagieren. «Ich weiss noch nicht mal, wie du heisst», versuchte sie schwach zu protestieren. «Ich bin Marc, Marc Lenk. Und du?» «Lena, Lena Kronenberg.» «Okay Lena, ich fahr dich jetzt nach Hause und werd mir vor Ort noch etwas die Umgebung anschauen.» «Die Umgebung anschauen? Ich dachte, du bist Barmann und nicht Polizist?» «Ich bin nicht Polizist, ich arbeite zeitweise als Bodyguard. Aber das besprechen wir vielleicht ein anderes Mal genauer.» Marc strahlte Lena an. Und sie schwieg, denn sie hatte absolut keine Ahnung, was man in so einer Situation hätte antworten können. Doch der Gedanke, nicht alleine nach Hause gehen zu müssen, war gerade der einzige, der zählte. Marc war in seine Jacke geschlüpft und sah Lena auffordernd an. Sie erhob sich und spürte, dass zwei Bier ohne Essen schon zu viel waren. Sie musste sich arg konzentrieren, um nicht allzu sehr zu schwanken. Schweigend bot Marc ihr seinen Arm. Sie ergriff ihn und bereute es sogleich wieder. Denn Marcs Gang war auch auf der Strasse locker, federnd, flink. Er hielt vor einem Jeep und Lena atmete auf. «Du musst mir sagen, wo es langgeht.» «Erst einmal Richtung Ikea Spreitenbach.» «Das kenn ich.» Wie auf Schienen glitt der Wagen durch die inzwischen dunkeln Strassen. Lena schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Sie kannte den Mann, in dessen Auto sie gerade sass, kaum, wusste nicht ansatzweise, ob sie ihm die Story von wegen Bodyguard glauben sollte. «Wir sind jetzt auf der Hauptstrasse, wie weiter?» «Geradeaus, nächste Kreuzung rechts halten, da ist ein Parkplatz.» Ruhig lenkte er den Wagen, machte den Motor aus. «Wir bringen dich jetzt in deine Wohnung, ich seh mich da um und dreh nachher draussen noch ne Runde.» «Okay.» Lena ging schweigend voraus, immer noch bemüht, nicht zu schwanken. Als sie die Wohnung erreichten, nahm Marc ihr den Wohnungsschlüssel ab. Er öffnete, bedeutete Lena wortlos zu warten. Er zündete überall das Licht an, kontrollierte das Bad, trat ans Fenster, um die Rollläden herunterzulassen. «Schliess die Tür hinter mir. Ich klinge dreimal kurz, wenn ich meine Runde gemacht habe.» «Okay.» Ob ich in seiner Anwesenheit wohl auch mal noch einen ganzen Satz hinkriegte, fragte sie sich unwillkürlich. Der muss mich für ziemlich doof halten. Lena setzte sich aufrecht auf die Couch. Ihre Augen glitten über jedes Möbelstück. Gerade als ich angefangen habe, diesen Raum zu meinem zu machen, kommt er mir wieder dazwischen. Doch bevor die Tränen Zeit gehabt hatten hochzusteigen, klingelte es dreimal kurz. Sie öffnete. Marc betrat die Wohnung. «Ich habe die umliegenden Strassen kontrolliert. Da war nichts Auffälliges. Ich denke, heute brauchst du dir keine Sorgen zu machen.» Bevor er sich zum Gehen wandte, gab er ihr eine Visitenkarte in die Hand. «Ruf mich morgen an, wir sollten da was besprechen.» «Das mach ich.» «Und abschliessen, wenn ich draussen bin.» «Okay.» Lena schloss die Tür, drehte den Schlüssel und schüttelte sich. Hab ich das jetzt geträumt? Oder hab ich jetzt einen Bodyguard? Egal, aus irgendeinem Grund vertraute sie Marc. Lena setzte sich wieder auf die Couch, ihr war schlecht. Sie griff nach ihrem Handy und als sie die Uhrzeit sah, wurde ihr richtig übel. Sie stellte den Wecker, griff sich ein Kissen, das sie sich vor den Bauch drückte, und fiel in einen unruhigen Schlaf.


 

Der Sonntag weckte Lena, denn sie hatte am Vorabend vergessen, die Rollläden herunterzulassen. Wohlig räkelte sie sich unter der Decke, liess den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Beflügelt von der eigenen Tatkraft sprang sie aus dem Bett. Sie duschte, zog Rock und Bluse aus dem Schrank, klingelte bei ihren Nachbarn an der Tür. Marco öffnete. «Hey Leute, ich hätte Lust, so richtig schön essen zu gehen. Seid ihr dabei?» «Jep», Marco brauchte nicht lange zu überlegen. Auch Martin willigte ein. «Ich bin heute sowieso zu müde zum Kochen, weil ich gestern die ganze Nacht gemalt habe.» «Er hat ein neues Projekt», raunte Marco Lena hinter scheinbar vorgehaltener Hand zu. «Worum geht es?», wandte sich Lena an Martin. «Ich könnte ein mehrstöckiges Bürogebäude übernehmen. Nicht nur malen heisst das, sondern auch Innengestaltung wie Raumaufteilung oder Möbel.» «Das klingt sehr spannend. Handelt es sich um ein bekanntes Gebäude?» «Um den Falken in Baden.» «Boahh, tolles Gebäude! Aber du schaust, als gäbe es ein Problem?» Lena war Martins sorgenvolles Gesicht nicht entgangen. «Ich finde keine Linie, keine umfassende Inspiration.» «Verstehe, wodurch inspirierst du dich normalerweise?» «Indem ich male.»

Inzwischen sassen die drei in der Pizzeria um die Ecke. Da es für Brunch bereits zu spät war, bestellten sie sich knoblauchgetränkte Köstlichkeiten. «Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es bei dem Projekt darum, den Gesamteindruck zu prägen.» Martin hörte aufmerksam zu. «Also würde ich mich vielleicht in Möbelhäusern umsehen. Oder ich würde mir Filme ansehen, deren Gesamtwirkung mir gefällt.» «Woran denkst du?» «In meinem Fall wäre das wahrscheinlich so was wie «Der Teufel trägt Prada» oder «Natürlich blond». Aber du musst dir halt einen aussuchen, der dich inspiriert.» «Das könnte funktionieren.» Martin lächelte, er schien bereits eine Idee zu haben. «Das werde ich probieren. Danke dir!» Lena lächelte zurück. «Immer wieder gerne.» Mittlerweile beim Kaffee angekommen, durchzuckte es Martin. «Sag mal, wie war eigentlich das Casting?» «Das Casting war gut. Ich habe es ungefähr so weit geschafft, wie ich angenommen habe. Das hat gereicht, um jemanden kennenzulernen, mit dem ich die Geschichte machen kann, und der Rohentwurf steht.» «Wow, ich bin beeindruckt, da hat sich ja jemand richtig ins Zeug gelegt.» «Das Ziel ist die Geschichte bis Mittwochabend weggeschickt zu haben.» «An wen willst du sie schicken?» «Tages-Anzeiger, Aargauer Zeitung, Schweizer Familie, Annabelle. An jeden, der mir einfällt, und dann mal sehen, wer sich als Erstes meldet.» «Wir drücken dir auf jeden Fall die Daumen.»

Mittlerweile hatten die drei ihren Kaffee genossen und machten sich auf den Heimweg. Nach einer herzlichen Umarmung gingen sie alle wieder ihres Weges. Doch Lenas Tatendrang war noch nicht verflogen. Sie betrat ihre Wohnung und sah sich um. Ende der Woche kämen die Möbel und bis dahin? Lena entschied, weiter zu räumen. Nach zwei Stunden waren es drei Schachteln weniger und Lena hatte zwei Mülltüten weggetragen. Doch jetzt hielt sie plötzlich einen Liebesbrief von Robert in den Händen. Lena schluckte. Wegwerfen oder behalten? Hatte der Brief seine Bedeutung wegen der aktuellen Ereignisse verloren? Würde die Erinnerung immer weh tun? Oder gab es so etwas wie Versöhnung mit der Vergangenheit tatsächlich? Lena legte den Brief auf den Papierstapel einer geöffneten, aber noch vollen Schachtel. Statt weiter zu räumen griff sie zum Computer und erschrak, als sie die Mailbox geöffnet hatte:

 

Liebe Lena,
als Reaktion auf die erste Mail kam der Brief deines Anwalts. Wegen eines Fehltritts greifst du zu solchen Mitteln? Das werde ich mir nicht bieten lassen. Du bist meine Frau, über den Fortbestand oder das Ende unserer Ehe bestimme ich. Das kannst du deinem Anwalt ausrichten und sollte er mir mit rechtlichen Massnahmen drohen, werde ich mich zur Wehr setzen. Soweit ich informiert bin, ist neben dem Grab deiner Mutter noch Platz. RIP Robert.

 

Lenas Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie stand auf und liess die Fensterläden herunter und verschloss die Haustür. War es möglich, dass er hier war in der Schweiz? Beobachtete er sie aus einem Auto heraus von der gegenüberliegenden Strassenseite? «Ruhig, ganz ruhig», ermahnte sie sich. Das ist doch genau das, was er will – dich in Panik versetzen. Also, was kann ich jetzt tun? Ich muss mit meinem Anwalt reden, der wird wissen, welche rechtlichen Schritte Sinn machen. Lena sah auf die Uhr, halb sieben, heute wurde daraus also nichts mehr. Sie musste etwas tun, um sich zu beruhigen. Weiterräumen – was solchen Sisyphuscharakter hat, nur beruhigen. Sie schaltete den Computer aus und wandte sich wieder den Kisten zu. Sie griff nach dem Liebesbrief oben auf der offenen Schachtel und ballte die Faust. «Mistkerl! Du kriegst mich nicht klein.» Sie liess die unförmige Papierkugel auf den Grund einer neuen Mülltüte fallen. Aber selbst nachdem sie all die vergilbten Erinnerungsstücke vernichtet hatte, war die Beklommenheit auf der Brust nicht gewichen. Wer konnte ihr im Ernstfall zur Seite stehen, wenn Robert wirklich auftauchte? Lena dachte an Marco und Martin, natürlich würden die beiden sie begleiten, wenn sie sich fürchtete. Aber wollte sie das? Konnte sie sich vorstellen zu sagen: Hey, mein Ex, mit dem ich zehn Jahre zusammen war, bedroht mich jetzt.» Lena schluckte. Was wirft das für ein Licht auf mich? Ich bin zehn Jahre mit einem Mann zusammen, der mich und meine Anwesenheit als sein Recht betrachtet. Dass ich nie gemerkt habe, wie er wirklich ist? Hätte ich wissen können, dass es so endet? Bei diesen Worten fiel ihr Luis ein. Er war der Erste, mit dem sie über das Scheitern ihrer Ehe gesprochen hatte. Er hatte sie getröstet, hatte ihre Wut über Roberts Verhalten unterstützt. Aber was sollte sie ihm sagen? Lena griff zum Handy: «Wie war das, als ihr euch scheiden lassen wolltet, deine Frau und du?» Lena schrieb, ohne lange nachzudenken, und schickte den Satz sofort ab. Sie atmete tief durch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sorgfältig beseitigte sie die Spuren ihrer Räumaktion, legte die Kleider für den nächsten Tag bereit. Sie stellte den Regenschirm neben das Kopfende der Couch. Ein Griff und sie hätte etwas zum Zuschlagen. Immer wieder schielte sie aufs Handy. Doch da war keine Antwort auf ihre Frage. Schliesslich stellte sie den Ton aus und versuchte zu schlafen. Doch es dauerte mehr als eine Weile, bis sie Ruhe fand.