Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

"Wenn ich gross bin, werde ich Polizist und leite eine Station genau wie diese", erklärt mir mein Neffe, während er auf sein Spielzeug zeigt. Schwierigkeiten auf dem Weg dahin? Keine nennenswerten. Was er für den Job wissen muss, lernt er alles in der Schule, die er selbstverständlich mit Bravour abschliesst. Viel arbeiten zu müssen, findet er nicht schlimm, er habe dann einfach keine Zeit für eine Freundin. "Oder sie muss alles selber können, weil ich ja nicht da bin." Als ich, auf der Suche nach neuen Themen, die Zusammenstellung kurioser Feiertage durchsah, stiess ich auf den "Reite-den-Wind-Tag". Der Titel weckte die Erinnerung an die Szene mit meinem Neffen. Weil er sich einfach vom Wind der Fantasie hat tragen lassen. Erwachsene sind in solchen Situationen mit dem Gegenwind aller erlernter "Aber" konfrontiert. Sie trauen sich die Eroberung der Welt nicht mal mehr in der Fantasie zu. Ich suche nicht krampfhaft nach einem Hacken in der Geschichte meines Neffen. Lieber lerne ich von ihm und übe dem Gegenwind auszuweichen.


 

Dieser Tag wird am ersten Freitag im September gefeiert, der in diesem Jahr dem 1. September entspricht. Und auch wenn der Tag wahrscheinlich von seinem Begründer oder seiner Begründerin (so genau weiss man das nicht) lieb gemeint war: Er nervt mich. Warum brauchen Mütter von irgendeiner offiziellen Stelle, die Erlaubnis faul zu sein? Warum gibt es neben dem mittlerweile stark kommerzialisierten Muttertag, nur ein Datum, dass den Frauen Freiheit gibt? Und warum kämpfen wir Frauen, nicht nur Mütter, generell damit, uns durch unsere Tätigkeit eine Existenzberechtigung erarbeiten zu wollen? Ich bin für den "Frau-mach-dich-selbstständig-Tag" im Wechsel mit dem "Frau-deine-Gedanken-gehören-dir-Tag" und dem "Frau-lieb-dich-ohne-wenn-und-aber-Tag". Diese Feiertage brächten vielleicht keine Blumen. Doch die Ergebnisse wären sicherlich interessant...


 

"Caro du musst kommen. Lillian hat sich unter dem Bett verkrochen und sagt, sie kommt nicht raus." Mit hängenden Schultern steht Richards Tochter Miriam vor ihr. "Kein Problem, ich kümmer mich drum. Könntest Du in der Zwischenzeit schon mal den Tisch decken?" Caro schaltete die Herdplatten aus und wandte sich Richtung Schlafzimmer. "Kein Problem", hatte sie Richard gesagt, als er sie mit der Nachricht anrief, länger arbeiten zu müssen. "Kein Problem", hatte sie zu Miriam gesagt, weil sie nicht wollte, dass sich das Mädchen sorgte. Aber wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht, wie sie Lillian an den Esstisch kriegen sollte. Sie stand vor dem Bett. Da schaute ihr Teddy sie an. "Ich habe Angst im Dunkeln." Der Teddy hielt sich die Tatze vor die Augen. "Ich fürchte mich so sehr, dass mein Magen ganz komische Geräusche macht." Caro grummelte lautstark. "Die Geräusche sind wirklich komisch", bemerkte Lillian. Caro hielt einen Moment den Atem an. "Aber wenn du deine Tatzen von den Augen nimmst, wird's heller und du brauchst keine Angst mehr zu haben." Der Teddy senkte eine Tatze. "Du hast recht, ich sehe Dich. Wie heisst Du?" "Ich bin Lillian." "Freut mich, Dich kennenzulernen. Aber sag mal, wie hat es Dich unters Bett verschlagen?" "Ich mag keine Menschen. Alle wollen immer was von einem. Da soll man spielen, da soll man lachen, da soll man nett sein - ich will einfach nur meine Ruhe." "Kann man das den Menschen nicht sagen?", wollte der Teddy wissen. "Die fragen mich ja nicht", antwortete Lillian. "Hmmm und wenn ich Dich begleite und Du mit meinem Tatzen das Psst-Zeichen machst. Das könnte vielleicht helfen." "Meinst Du tatsächlich?" "Wir können ja noch einen Moment hier bleiben um die Ruhe zu geniessen. Dann nimmst Du mich mit zum Abendessen in Deiner Welt. Und wenn etwas ist, machst Du das Zeichen. Dann werden wir sehen." Einen Moment blieb es still, dann kroch Lillian, den Teddy im Arm unterm Bett hervor und küsste Caro, die sich noch nicht erhoben hatte, wortlos auf die Wange.


 

Als Kind habe ich es geliebt, Steine zu sammeln. Weisse hatten es mir angetan. Ich bildete mir ein, mit ihnen eine Besonderheit gegenüber grauen Kieseln entdeckt zu haben. Selbstverständlich mussten sie mit nach Hause. Zwei Schubladen, also mindestens die Hälfte meiner Kommode war mit Steinen gefüllt. Zum Leidwesen meiner Mutter, die meine Schätze bei ihren halbjährlichen Aufräumaktionen regelmässig entsorgte. Damals wusste ich noch nicht, dass der 16. September speziell Menschen mit geologischen Ambitionen gewidmet ist. Aber selbst, wenn ich es damals schon meiner Mutter hätte erzählen können, ich glaube, es hätte sie wenig beeindruckt und meine Steinsammlung wäre trotzdem dezimiert worden. Doch noch heute ziehe ich die weissen den grauen Steinen vor.