Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Jeder Mensch hat eine Geschichte. Was für eine Plattitüde wird die eine oder andere Leserin jetzt vielleicht denken. Und lauscht man den Gesprächen, die vielerorts getätigt werden, müsste man zustimmen. Die Menschen sprechen über Besitz, den sie haben oder sich wünschen. Sie sprechen über Tätigkeiten, doch selten über jene, die sie tatsächlich inspirieren. Sie sprechen über andere, oft wenn jene sie geärgert haben. Doch wie wäre es, wenn man wahrlich darüber sprechen würde, was einem beschäftigt? Über eine Vision fürs Zusammenleben? Vielleicht den Wunsch nach einer Familie? Den Schmerz nach einer Trennung und wie man damit umgegangen ist? Und wenn sich das Gegenüber trauen würde mit ganzem Herzen zuzuhören? Dann würde die eigene Geschichte Form und Kraft gewinnen. Sie würde ohne Schnickschnack Menschen bewegen. Wie wäre es mit diesem Experiment am schottischen Erzähl-mir-eine-Geschichte-Tag?


 

Als ich klein war, wollte ich berühmt werden. Die Wege, die ich mir zur Sicherung dieses Zustandes überlegte, wechselten mit dem Alter. Schauspielerin, Sängerin, Prinzessin als ich klein war, Schriftstellerin als ich lesen konnte. Ich stellte mir vor, wie all die Geschichten in meinem Kopf zwischen Buchdeckeln Platz fänden. Ich fühlte mich ungeheuer wichtig wenn ich schrieb. Wie viel Arbeit es braucht, bis eine Geschichte wirklich rund läuft, lernte ich mit Aufsätzen. Es tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Ich schrieb fleissig weiter. Vor einigen Jahren brachte ich dann zusammen mit einer Freundin mein erstes Buch heraus. Doch darf man sich schon nach dem ersten Buch Schriftstellerin nennen? Ich wusste es nicht, ich weiss es immer noch nicht. Doch ich habe beschlossen den Tag der Schriftsteller zu nutzen, um über meine Arbeit nachzudenken und meinem Autorendasein einen neuen Anstoss zu verpassen. Auf dass Sie mich schon bald Schriftstellerin nennen dürfen...


 

Geht es Ihnen auch so? Sie greifen sich den Mantel von der Garderobe, den sie schon lange in die Reinigung bringen wollten. Sie leeren seine Taschen, da halten Sie eine Rechnung in den Händen, die Sie im Finanzordner ablegen wollen, aber vorher muss sie noch gelocht werden. Sie finden den Locher im Büro Ihres Mannes, woraus Sie auch gleich noch den Dessertteller entfernen. Ach ja - die Spülmaschine wollten Sie auch noch einräumen und laufen lassen. Endlich packen Sie den Mantel in eine Tasche, nehmen das zu entsorgende Pet mit - denn im Einkaufsladen gegenüber der Reinigung lässt sich noch was fürs Abendessen besorgen. Sie parken vor der Reinigung und stellen mit Schrecken fest, dass das Institut vor einer halben Stunde Feierabend gemacht hat. So geht es mir ehrlich gesagt nicht selten. Ich gerate vom Hundertsten ins Tausendste und habe dennoch das Gefühl, nichts geschafft zu haben. Der "Genügend-Zeit-Tag" fordert einem dazu auf, sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens zu nehmen. Ich verwende ihn dazu, mir klar zu machen, was ich will: Genügend Zeit für weniger Chaos.


 

Marlene konnte Sonjas Grinsen nicht ausstehen. Es erinnerte sie stets an das Gesicht ihrer Schwester, wenn sie wieder eine Bosheit ausgeheckt hatte. Wenn sie Marlenes Lieblingsbuch im Wäschekorb versteckte oder Ähnliches. "Ich würde ihr so gerne eins überbraten", dachte Sonja derweil. "Immer will sie vor Frau Teucher mit ihrem Wissen angeben. Da kommt kein anderer je zu Wort." Sie fühlte sich wie am heimischen Esstisch. Alle schrien durcheinander, nur sie kam nie zum Zug. Keines der Mädchen sprach. Die wortlose Wut brach sich Bahn. Es endete mit einem blauen Auge und einer Gehirnerschütterung. Wer weiss wohin die Toleranz des Zuhörens geführt hätte?