Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Mit dieser  Kolumne beschliesse ich das Jahr der kuriosen Feiertage. Was habe ich beim Schreiben gelernt? Auf den ersten Blick mag es so aussehen, also könnte wirklich jeder Mist zelebriert werden. Doch klopft man die Beschreibungen, Entstehungsgeschichten und Traditionen etwas ab, bleiben die verschiedenen Menschen. Jeder möchte mit seinen Eigenheiten und seinen individuellen Vorlieben wahrgenommen - besser noch gewürdigt werden. Das Leben hat in diesem Jahr ein paar Entscheidungen für mich getroffen. Das hat sich im ersten Augenblick seltenst lustig angefühlt. Doch ich versuche das Beste daraus zu machen. Mit einer anderen Arbeit, die mir mehr Zeit für meine Liebsten lässt. Mit dem Ehrgeiz zu stetigem Lernen. Ich versuche das Leben als Lehrperson zu sehen. Und ich entscheide mich bei genau dieser zur Schule zu gehen.

PS: Wem die Buchstaben-Graffitis über die Kinderbücher in diesem Jahr gefallen haben, darf sich auf 2018 freuen. Ich habe beschlossen, diesen Teil der Literatur wöchentlich noch genauer zu erkunden.


 

Spricht man von Jim Knopf weckt das bei vielen die Erinnerungen an die Augsburger Puppenkiste und das Sandmännchen. Doch so schön diese Bilder von früher sind, das Buch birgt unendlich viel mehr. Michael Ende kombiniert eine klare Sprache, die gleich im ersten Kapitel mit dem Beginn der Geschichte beeindruckt, mit unglaublich phantastischen Szenerien. Man denke beispielsweise an Mandala, das erste Land, welches Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer nach ihrer Seereise gemeinsam entdecken. Durchsichtige Bäume und Blumen, die aus buntem Glas zu sein scheinen. Oder die Beschreibung der Familienstrukturen: "Jeder Mandalanier hielt einen anderen Mandalanier an der Hand, der etwas kleiner war. Und so ging es fort bis hinab zum Kleinsten, der nur etwa die Grösse einer Erbse hatte." Gleichzeitig verfügen die Winzlinge schon nach einem Jahr über das Wissen von Erwachsenen. In der Geschichte ist alles möglich. Da gibt es Scheinriesen, 12 gleichaussehende Seeräuber, die einen Drachen mit Kindern beliefern - eine Aufzählung, die niemals vollständig sein kann. Bei jedem Lesen entdeckt man wieder eine Figur, ein Wort, das einem in die Geschichte hineinzieht. Gleichzeitig lernen alle Figuren stetig dazu, unabhängig vom Alter. Es gibt keine gefühlsmässige Trennung. Denn nur im Miteinander ist man den Herausforderungen des Lebens gewachsen. Ein Buch, das ich allen Menschen, die mit Begeisterung neugierig sind, empfehlen würde.


 

Michael Ende wurde 1929 als Sohn des Malers Edgar Ende und Luise Bartholomä geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in München. Mitte der 30er geriet der Vater in Konflikt mit der NS-Kultur, die seine Werke als entartete Kunst  einstufte. Michael Ende selbst erhielt als 15-jähriger seinen Stellungsbefehl zur Heimatverteidigung, den er allerdings zerriss um sich der Freiheitsaktion Bayern anzuschliessen. Er machte Abitur, absolvierte die Schauspielschule und machte viel mehr als erste Schreibversuche, er plante bereits seine Arbeit als Theaterautor. Ende der 50er Jahre entstand "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Über den Schreibprozess sagte Ende einmal: "Ich liess mich einfach ganz absichtslos von einem Satz zum anderen, von einem Einfall zum nächsten führen. So entdeckte ich das Schreiben als Abenteuer." Dies alles sind nur einige, wenige Fakten aus der Unendlichkeit eines Lebens. Doch wenn sie den einen oder die andere neugierig gemacht haben, freue ich mich. Eine Internetseite, die mir bei meinen eigenen Recherchen begegnete, heisst www.michaelende.de. Ein Blick darauf lohnt sich ebenso wie auf das Interview, welches kommende Woche hier erscheint. Es zeigt Michael Ende aus einer ganz eigenen Perspektive...


 

Der Hintergrund für meine Wochenkolumnen 2018 war die Idee, mich nicht nur mit einer Geschichte an sich auseinanderzusetzen, sondern den Autoren direkt Fragen zu stellen. Michael Ende hat diese Welt 1995 hinter sich gelassen. Darum entschied ich mich, einen guten Freund zu interviewen. Beat Vögele hat mir einmal verraten, dass Michael Ende der Autor ist, der in seinem Bücherregal einen festen Platz hat. Und das bedeutet bei einem belesenen Mann wie Beat eine ganze Menge.
 
Welches war das erste Buch von Michael Ende, das Du gelesen hast?
Das war "Die unendliche Geschichte".
 
Wie bist Du darauf gestossen?
Per Zufall, beim Stöbern als Primarschüler in der kleinen Schulbibliothek.
 
Erinnerst Du Dich noch an das Lese-Erlebnis als solches?
Ja, und wie! Es hat mich wie Bastian, die Hauptfigur der Geschichte, förmlich ins Buch, in die Geschichte hineingezogen. Und wie er habe ich kaum aus ihr herausgefunden, jedenfalls emotional.
 
Wie ging es mit Dir und Michael Ende weiter?
Ich hatte Blut geleckt, um es drastisch zu formulieren. Ich habe alles von ihm verschlungen. Besonders eindrücklich waren für mich die dunklen, traumartigen Geschichten aus "Spiegel im Spiegel" und "Labyrinth der Freiheit". Auch die Theaterstücke und Opernlibretti haben mir gedanklich neue Räume eröffnet. Und die Veröffentlichungen von unvollendeten Texten und Skizzen aus dem Nachlass empfand ich als hilfreich, vieles in Endes Büchern noch besser zu verstehen.
 
Wie würdest Du heute einem Unkundigen Michael Endes Werk und die Faszination daran erklären?
Als erstes würde ich seine ungeheure Phantasie und seine Erzählgabe, die jeden an die Hand nimmt, ohne zu bevormunden, hervorheben. Natürlich ist da auch immer viel Kunst und Können (wobei die Sprache einfach und verständlich bleibt). Und fast überall ist auch ein Augenzwinkern. Dann würde ich betonen, dass seine Texte von der Überzeugung durchdrungen sind, dass nicht nur die menschliche Umwelt bedroht ist, sondern auch die menschliche Innenwelt, die Phantasie, Kreativität und somit der Geist, die Seele. Es geht Ende dabei nicht um moralische Fragen (die an gesellschaftliche und somit zeitlich eingeschränkte Rahmenbedingungen geknüpft sind) sondern um die Existenz an sich, ums seelische Erleben mit allen notwendigen Höhenflügen und Katastrophen. Leider wurde er zu seiner Zeit diesbezüglich oft nicht oder falsch verstanden. Seine Geschichten sprengen Rahmen, die einengen und veröden lassen können. Und sie lassen die Lesenden selber mutig weiterdenken.