Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Wenn ich meine Notizen hier abschreibe, sieht das irgendwie nicht real aus. Darum heute auf diese Weise (das ist das Resultat einer Schreibübung, die ich auf Facebook gepostet habe, mit etwas Verspätung - aber immerhin)

 


 

Heute beginnt der Seetaler Poesiesommer in Schweden und morgen steht der Besuch des Hallwyl-Museums in Stockholm auf dem Programm. Zeit eine Gegenwartsgeschichte aus dem Schloss Hallwyl in Seengen aufzuschreiben...

Der Geruch der Rosen hauchte ihren Zwischenwelten Leben ein. Sie sah sich das allererste Mal über die Brücke gehen. Mit Zwischenhalt, um die Enten zu beobachten und die Steine der Mauer zu befühlen. Sie stand mitten im Hof, hob den Kopf Richtung Himmel, fühlte sich den Frauen der Schlossgeschichte unerklärlich verbunden. Unterwegs über die Unebenheiten der Treppen, die zu Zimmern und Sälen mit aristokratisch anmutenden Sitzgelegenheiten führten. Es gab so unendlich viel zu sehen, dass sie sich reich fühlte. Svea lächelte. Wenn Menschen ein Wasserschloss bauen konnten, was würde die Welt sonst noch an Entdeckungen für sie bereithalten. «Er hat meiner Neugier Raum gegeben», murmelte sie. «Wer?» Ihr Neffe Levi war an den Tisch getreten und stellte den Kaffee ab. «Ein Freund, mit dem ich das Schloss besucht habe.» Sie hob sorgfältig einen Löffel Milchschaum aus dem Glas und genoss die weisse Wolke. «Der mir das Schloss gezeigt hat, um genau zu sein.» «Ein Freund. Oder dein Freund?» Svea schmunzelte. Levi pflegte einen direkten Umgang mit seinem siebten oder gar achten Sinn. «Ja, ich war verliebt, wenn du das wissen möchtest. Aber das war nicht das Wichtigste» «Das musst du mir genauer erklären.» Levi feixte. Sie feixte zurück und wollte ihn die Seite knuffen, doch dafür taugten die 80jährigen Handgelenke nicht mehr. «Das ist gar nicht so einfach.» Sie sog den Duft der Rosen ein. «Du weisst, dass ich Bücher liebe. Und Sprachen. Ich kann von einem Besuch im Kieswerk gleichermassen schwärmen wie von einem Joe Cocker Konzert.» Levi nickte. «Der Ursprung liegt in der Begeisterung der Menschen, die sie mit mir teilen. Der Freund von damals hat Geschichte lebendig werden lassen. Diese Energie ist wie ein Verliebtsein, das nicht endet.» Die beiden schwiegen. Svea sah Levi nicht an. Denn sie vermutete, dass er gerade ein Gespräch mit Wilhelmina von Hallwyl begonnen hatte.


 

Ich stehe auf dem Perron, einen grossartigen Barcley James Harvest Song im Ohr und träume vor mich hin. Da sehe ich links von mir ein Mädchen auf den Gleisen herumspazieren. Sie trägt grosse Kopfhörer, scheint zu singen und sammelt Müll ein. Ich winke ihr. Sie nimmt die Kopfhörer ab, lächelt, verlässt das Gleis, sucht sich auf dem Bahnsteig den nächstgelegenen Abfalleimer zur Entsorgung. Mit leeren Händen kommt sie auf mich zu. "Hallo. Warum machst du das?" Kaum gesagt, komme ich mir komisch vor, so mit der Tür ins Haus zu fallen. "Ich musste auf den Bus warten. Und ich mag es nicht, wenn Müll rumliegt. Ich finde, das sieht nicht schön aus." "Du hast recht." Ich bin zu perplex um mehr zu sagen. "So jetzt muss ich rüber an die Haltestelle." "Ja klar - danke." Im Bus sucht sie sich einen Fensterplatz und winkt mir zu. Ich winke zurück. Ich habe viele Artikel über Littering und Nachhaltigkeit gelesen. In keinem wurde ein so strahlendes Lächeln thematisiert. Sie hat mich beeindruckt. Aber ihre Motivation war eine andere.