Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Ruth hatte keine Lust auf Chilbi oder Markt. So viele Menschen, immer die gleichen Stände. Zauberputzmittel, billige T-Shirts mit vermeintlich hochgeistigen Motiven wie dem Wolf in der Einsamkeit oder einem Indianerhäuptling. Nicht zu vergessen Konfitüre, Bettsocken und Schallplatten. Aber Lucian liebte das Karussell und den Autoscooter – also… «Lucian! Jacke anziehen, mit Kapuze ohne Widerrede. Wir gehen zur Chilbi.» «Jaaa.» Es dröhnte durchs Haus. «Darf ich meine fünf Franken mitnehmen?» «Ja, du darfst.» Amüsiert beobachtete Ruth mit welch heiligem Ernst ihr Sohn sein Portemonnaie in der inneren Jackentasche verstaute. Keine Viertelstunde später standen sie mitten im Gewühle und Ruth versuchte Lucian nicht aus den Augen zu verlieren. Als sie den letzten Möchtegernrocker zur Seite geschoben hatte, sah sie gerade noch, wie Lucian sich von der sich drehenden Teetasse aufs Pferd gewechselt hatte um ihr von dort aus glücklich zuzuwinken. Sie winkte zurück und versuchte zu lächeln. Auch wenn sie Angst hatte, Lucians Vater hier zu begegnen. Er war wieder verheiratet – mit der perfekten Frau. Ruth war nicht perfekt. Sie hätte einen Haarschnitt gebrauchen können. Die Wohnung stand Kopf und für die meisten war ihr Job als Journalistin eine Fortsetzung vom Aufsatzschreiben aus der Schule. «Mama hast du gesehen, wie gross das Pferd auf dem Karussell war? Sein Kopf war höher als meiner.» «Du hast das toll gemacht. Wohin möchtest du jetzt?» «Jetzt müssen wir Reinhard Mey umdrehen.» «Wie bitte?» «Reinhard Mey umdrehen – komm ich zeig's dir.» Lucian rannte zum Stand mit den Luftballons. «Du willst sicher den roten oder?» Ruth nickte leicht überfordert. Lucian bezahlte, kam zurück und drückte seiner Mutter die Schnur in die Hand. «Jetzt musst du den Ballon über die Wolken schicken.» «Aber du hast den gerade erst gekauft.» «Das ist egal. Wir müssen Reinhard Mey umdrehen.» «Lucian erklär mir das bitte.» «Also der singt doch über den Wolken gibt es keine Sorgen, weil die dann versteckt sind.» Ruth nickte. «Aber wir können nicht über die Wolken fliegen.» Wieder nickte Ruth. «Also schicken wir die Sorgen mit einem Ballon über die Wolken, dann sehen wir sie auch nicht mehr.» Erwartungsvoll sah Lucian seine Mutter an und Ruth liess die Schnur los.


 

Er betrat den türkischen Schnellimbiss. Unwillig. Die Schliessung der Dorfkneipe war erst ein paar Monate her. Nannte man den Chef in einem solchen Lokal eigentlich Wirt? Egal. Er reichte ihm sein Feierabendbier, das genügte. Ruedi setzte sich an den Tisch in der Ecke. Eine Viertelstunde später betrat ein junger Mann im hellgrauen Anzug den Imbiss. «Christos», rief Ruedi, winkte den Bankangestellten zu sich heran und wies auf den Stuhl gegenüber. Sahli brachte Christos den üblichen Kamillentee und Ruedi das zweite Bier. «Wie war dein Tag?» «Gut, viele reiche Schweizer. Und deiner?» «Gut, ich habe keinen vom Dach gestossen.» Die beiden Männer lächelten und prosteten sich zu. Sahli bereitete den nächsten Kebab zu.


 

Wer gestern bei der Sonntagsklang-Galerie die Hand in meinen Hut steckte, der zog den Titel einer Geschichte. Brachte er mir den Zettel in der Pause zwischen den zwei Konzertteilen, gewann er die Lesung dieser musikalischen Momentaufnahme - es handelte sich sozusagen um eine "Geschichten-Verlosung". Es war wundervoll! Die überraschten Gesichter beim Ziehen der Lose - und die Zuhörstimmung bei der Vorlesung! Vielen Dank an alle meine Gäste, die mich gestern auf der Empore der Mehrzweckhalle in Burg besucht haben!