Hallo
Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…
Schwimmlektüre
Kürzlich war ich am Umtrunk einer Bibliothek. Den Temperaturen entsprechend gab es eine fruchtige, alkoholfreie Bowle und Gespräche über Ferienlektüre. Ich selbst landete in diesem Zusammenhang schnell bei den beiden ersten Büchern von Caroline Wahl. In "22 Bahnen" und "Windstärke 17" erzählen zwei Schwestern derselben Familie ihre Geschichte. Die ältere Tilda weiss theoretisch, wie sie durchs Leben mit der jüngeren Ida und der alkoholkranken Mutter kommen könnte. Doch mit Viktor kehrt die Vergangenheit zurück und Gefühle brauchen mehr Platz als geplant. "Windstärke 17" beginnt eigentlich mit dem Tod der Mutter und Idas Zwiegespaltenheit. Die plötzlich mögliche Freiheit, den eigenen Wünschen zu folgen kollidiert mit dem Schmerz über eine Lebensgeschichte, wie sie nie hätte sein sollen. In den offziellen Buchkritiken hiess es immer mal wieder, Caroline Wahl hätte es sich mit "Windstärke 17 zu einfach gemacht. Aber ich finde, das zwei verschiedene Erlebniswelten einer Existenz unglaublich schwer zu schildern sind. Beide Bücher zeichnen sich durch ihre Alltagssprache aus. Die Nähe, die daraus entsteht, ist aussergewöhnlich. Wer "22 Bahnen" und "Windstärke 17" liest, wird ausserdem wissen, wie ich auf den Titel dieses Beitrages gekommen bin.
Bitte nehmen Sie Platz
Stellen Sie sich den perfekten Sessel vor. Da steht er in Ihrer Lieblingsfarbe. Die Polster so weich, wie es Ihnen gut tut. Der Stoff angenehm auf Ihrer Haut. Sie nehmen Platz und ... atmen automatisch tief durch. Sie entspannen sich. Genauso liest sich "Frau Komachi empfiehlt ein Buch". X Menschen gehen aus verschiedensten Gründen in die Bibliothek. Und immer schlägt Frau Komachi ein Buch mehr vor als gefragt. Diese Empfehlungen schlagen im Leben der Menschen Wurzeln. Die liebevolle Sprache von Autorin Michiko Aoyama motiviert einem, das eigene Leben ebenfalls etwas weniger kritisch zu betrachten. Das Gefühl "Veränderung ist möglich" tut wohl. Ein wundervolles Buch für freie Tage...
PS: "Frau Komachi empfiehlt ein Buch" habe ich in der Bibliothek Böju entdeckt
Stärkt Euch den Rücken!
Meine Mutter war eine faszinierende Frau. Intelligent, liebevolle und für jedes Problem anderer eine Lösung in der Tasche. Doch an der Gleichzeitigkeit hat sie gelitten. Stets gut aussehen, 24 Stunden nett zu den Menschen sein, einem Chef niemals zeigen, dass man schlauer ist, einem Partner immer das Gefühl geben, er hätte die Welt im Gripp, auch wenn alles Lebensnotwendige bereits geregelt ist. Meine Mutter ist 1947 geboren. Das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde 1971 eingeführt. Zehn Jahre später (ich war gerade vier Jahre alt) wurde der Grundsatz der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Verfassung verankert. Was ich damals noch nicht wusste, meine Mutter würde ihren 54 Geburtstag nicht erleben. Das heisst, mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie im inneren und äusseren Zwiespalt verbracht.
Die Kontroversen haben sich inzwischen verändert. Verschwunden sind sie nicht. Macht mich das manchmal wütend? Oh ja – und mit 49 Jahren traue ich mich endlich auch laut zu werden. Doch das braucht immer noch Mut. Und die Grundlage für Mut ist Kraft. Also bitte ich heute, an ihrem Streiktag, die Frauen um zwei Dinge: Stärkt einander den Rücken. Und lasst einander nicht alleine, wenn eine sich (noch) nicht traut, die Stimme zu erheben.



