Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Lena schnupperte. Roch sie da Kaffee? Sie versuchte, sich zu drehen, da spürte sie plötzlich eine Hand an der Schulter. «Vorsicht, unser Sofa ist wahrscheinlich nicht ganz so breit wie dein Bett», flüsterte Martin. Lena rieb sich die Augen, fand sich erst langsam zurecht. Auf der anderen Seite des Ecksofas lag Marco – hatten sie beide etwa die ganze Nacht hier geschlafen? Martin hatte sich inzwischen zu seinem Mann gesetzt und kraulte ihm den Kopf. Lena lächelte, setzte sich auf und griff nach der dampfenden Kaffeetasse. Langsam kehrten die gestrigen Ereignisse zurück. Robert – unwillkürlich fragte sie sich, wie er die Begegnung erlebt hatte. Wusste er, spürte er, dass er nicht mehr der eine Mann in ihrem Leben war? Eine weitere Stimme meldete sich: Und warum sollten die Antworten auf diese Fragen noch eine Rolle für dich spielen? Lena schüttelte sich leicht. Als sie sah, dass Marco seinen Kopf an Martins Schulter gelegt hatte, stand sie auf. Sie faltete die Decke ordentlich zusammen, küsste jeden der beiden Männer auf die Wange. «Ich wünsche euch einen wunderbaren Sonntag.» Sie kehrte in ihre eigene Wohnung heim und staunte, wie sehr die Pflanzen das Raumgefühl veränderten. Sie duschte, zog sich um und liess sich dann mit einem Stapel Zeitschriften auf dem Sofa nieder. Sie begann zu lesen und sich Notizen zu machen. Nach zwei Stunden blickte sie leicht frustriert auf ihren Block. Promis, Mode, Diät, Beruf, Erfolg – okay, das eine oder andere interessante Porträt war dabei. Wenn Hella von Sinnen über ihren Lebensweg sprach, waren das andere Inhalte als bei Heidi Klum. Aber wirkliche Überraschungen fand sie nicht. «Die Aufgabe der Journalisten ist es, alle politischen Sachverhalte, die Menschen durch ihr Wählen mitgestalten können, verständlich darzulegen. Von der Putzfrau bis zum Bankdirektor soll jeder verstehen, worum es im Leben geht.» So hatte sie es einst gelernt und verinnerlicht. «Was heisst das genau?», «Können Sie mir dafür ein Beispiel nennen?» oder «Warum?» – Diese Fragen hatte Lena schon oft gestellt. Wie würde ihre Themenliste aussehen? «Wenn ein Paartherapeut einen Liebesbrief schreibt», «Was die Verkäuferin gegen soziale Vereinsamung tut», «Erziehungsmassnahmen für Erwachsene», «Was das Handy so faszinierend macht» «Gegen den Word-Waste im Umgang miteinander» – Lena schrieb und schrieb. Irgendwann spürte sie, dass sie sich zu wiederholen begann. Sie legte die Unterlagen zur Seite und begann sich stattdessen für die kommende Woche vorzubereiten. So packte sie auch die Telefonnummer sowie die Mappe mit den bisherigen Unterlagen ihrer Gespräche mit Marco Caruso ein. Sie gedachte, Roberts Herausforderung anzunehmen und die Konvention aufsetzen zu lassen.

 

In der morgendlichen Pause rief sie Marco Caruso an. «Ich soll eine Konvention aufsetzen.» Marco Caruso klang skeptisch. «Frau Kronenberg, Ihr Mann hat doch bisher deutlich zu verstehen gegeben, dass er eine Scheidung nicht in Betracht zieht.» Lena atmete tief durch. «Er hat mich dieses Wochenende überraschend besucht. Wir haben über die Scheidung gesprochen und er meinte, ich könne die Konvention ja aufsetzen lassen. Unter der Voraussetzung, dass ich auf den Zugewinnausgleich verzichte und er nichts weiter als die Hälfte der Scheidungskosten zu tragen habe.» «Und Sie sind sich sicher, dass Sie auf den Zugewinnausgleich verzichten wollen?» «Wenn das hilft, dass die Geschichte endlich endet.» «Die Chance besteht, aber es werden einige Jahre in der Rentenkasse fehlen.» Lena seufzte. «Ich bin ja noch jung – ich werde schon nicht untergehen.» «Wenn Sie meinen. Ich werde den Brief heute noch aufsetzen. Das Doppel wird Ihnen zugestellt.» «Ich danke Ihnen, Herr Caruso. Auch dafür, dass Sie Ihren Job so ernst nehmen und mich auf die Gefahren hinweisen.» «Scheint bei Ihnen nur nicht wirklich zu helfen.» Lena lachte. «So offen habe ich Sie selten reagieren hören.» «Das ist auch eigentlich völlig unangemessen, bitte entschuldigen Sie. «Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, das ist völlig in Ordnung. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» «Gleichfalls.»

 

Ein paar Stunden später klingelte es an Lenas Haustür. «Lass mich rein, Schwesterchen, bei dir riecht es so gut, dass mein Hunger noch mal doppelt so gross wird.» «Gib mir erst einmal deine Jacke.» Lena hängte den schwarzen Samtblazer hinter die Badezimmertür. Marina kam noch nicht mal dazu, sich die Schuhe auszuziehen.» «Wow, was ist denn hier passiert? Die Wohnung sieht spitze aus.» Lena reichte ihrer Schwester das Glas mit dem Mango-Lassi und strahlte. «Sieht gut aus, gell?» «Das ist die Untertreibung des Jahres – aber seit wann stehst du auf Pflanzen?» «Das hat sich irgendwie so ergeben und jetzt, da ich sie selbst gekauft habe, macht es auch nichts aus, wenn ich sie nicht alle zum Blühen kriege. Dann kann ich einfach schauen, wie sie sich entwickeln, ohne dass mir jemand seine Ratschläge vorbetet.» «Ich werde mich also hüten», sagte Marina und lachte. «Und das alte Bon-Jovi-Poster hängt über dem Schreibtisch.» «Und das gerahmt», jetzt lachte Lena. «Ja, ich finde, die Energie dieses Mannes hat etwas Inspirierendes.» «Ich finde, die ganze Wohnung macht einen inspirierten Eindruck. Allerdings haben wir uns viel zu lange nicht gesprochen, ich weiss gar nicht so recht, wo all die Energie herkommt.» «Setz dich erst einmal, Süsse. Jetzt kommt die Vorspeise. Wenn ich dir nämlich alles erzählen soll, was dahintersteckt, sitzen wir Mitternacht immer noch hier und du bist verhungert.» «Das wollen wir natürlich nicht.» «Keinesfalls.» Begeistert schaufelte Marina Nüsslisalat mit Walnüssen in sich hinein. Und auch Lena genoss, was sie da fabriziert hatte. «Beim Nudelgratin konnte sich Marina allerdings nicht mehr länger gedulden. «So, verhungern werd ich nicht mehr, also erzähl jetzt sofort.» «Okay, in nicht mal mehr einem Monat werde ich meine Stelle bei «alive» antreten. Sie haben meine Geschichte über das Casting genommen und mich engagiert.» Marina blieb der Mund offen stehen. «Und das sagst du erst jetzt?» «Naja, du schienst gerade etwas intensiver mit Zwischenmenschlichem beschäftigt zu sein.» Marina war aufgesprungen und umarmte ihre Schwester ungestüm. «Das ist unglaublich. Ich bin mega stolz auf dich! Und du besorgst mir selbstverständlich eine Ausgabe des Magazins, das ist ja wohl klar, oder?» Scherzhaft drohte Marina mit dem Zeigefinger. Lena nickt lächelnd. Einen Moment schwiegen die beiden Schwestern. «Aber dich beschäftigt noch was anderes, weniger Angenehmes. Ich tippe auf Robert.» «Er war hier.» «Wie bitte?», Marina hatte sich nach der Umarmung kaum auf dem Sofa niedergelassen, da stand sie bereits wieder. «Er kündigte an, er wolle ein Sabbatical in der Schweiz nehmen. Ich könne ja den Rahmen dafür organisieren. Dann hat er festgestellt, dass ich keinen Ehering mehr trage und ich habe ihm erklärt, dass ich auf jeden Fall die Scheidung will.» «Du erzählst das gerade so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, sich mit einem Mann an den Tisch zu setzen, der einen bedroht hat.» «Es war nicht einfach. Aber ich hatte in dem Moment keine Zeit für grosse Überlegungen. Es ging alles sehr schnell.» «Wie hat er reagiert?» «Ich glaube, diesmal hat er gemerkt, dass es mir ernst ist. Er hat jedenfalls gemeint, ich könne meinen Anwalt ja mal die Konvention aufsetzen lassen. Er überlege sich dann, ob er sie unterzeichnen wolle.» «Und?» «Ich habe heute mit Herrn Caruso gesprochen, er kümmert sich drum.» «Also wieder warten.» «Jep.» «Wie gehts dir damit?» «Das kann ich nicht wirklich beantworten. Ich wünsch mir einfach, dass es schnell geht. Ich möchte Abstand nehmen. Wer weiss, was dann möglich ist.» Schweigen. «Okay – dann mach ich jetzt einen Vorschlag zum Abstandnehmen …», Marina legte eine Kunstpause ein. «Was gibt es zum Dessert?» Lena prustete. «Ich dachte, wir fangen mit Bananenwähe an und arbeiten uns dann über Glace vor bis hin zum Gute-Nacht-Tee.» Marina nickte strahlend. «Wenn das kein perfekter Plan ist, dann weiss ich auch nicht.»


 

Lena war übel. Die unsanfte Handgreiflichkeit Roberts in privaten Situationen war für Lena nicht neu und so ging sie für einen Moment in der Flut der Erinnerungen unter. Ein Sommertag, sie standen gemeinsam an der Strassenbahnhaltestelle und beobachteten ein Teenagerpärchen beim Knutschen. Irgendwann legte der Junge beide Hände auf den Po seiner Freundin. «Das geht gar nicht», Lena drehte sich zu Robert um. «Ich finde, das geht sehr wohl.» Roberts Hände waren dem Vorbild des Jugendlichen gefolgt. Mit einer raschen Drehung und zwei Schritten hatte sich Lena aus dieser einseitigen Umarmung gelöst. «Das sieht aus, als wäre sie seine Puppe.» «Nein, er zeigt ihr, was ihm alles an ihr gefällt.» «Das ist privat – das geht in der Öffentlichkeit niemanden etwas an. Wer mir begegnet, soll mir ins Gesicht sehen und nicht auf meinen Hintern.» Als Ersatz für die weisse Fahne schwenkte Robert seine Tasche. «Ich werde mich dran halten.» Anzüglich grinsend fügte er hinzu: «Ich finde es nämlich auch besser, wenn die Mitmenschen auf der Strasse dir ins Gesicht sehen.» Lena war rot geworden, an derartige Anspielungen würde sie sich nie gewöhnen. Sie vergass die Szene während des gemeinsamen Einkaufens rasch. Zumal Roberts Motorrad in der Garage stand und der Trip durch die Stadt für sie beide ungewohnt war. Er hatte das Gespräch nicht vergessen. Sie waren kaum zu Hause angekommen und Lena räumte gerade die Lebensmittel in den oberen Küchenschrank, als er hinter sie trat. Robert packte auf beiden Seiten zu, bevor er sie ans Regal drückte und seine Hände weiter hochwandern liess.

Lena schüttelte sich. Sie winkte Nina, zahlte den Kaffee und verliess das Lokal. Sie machte sich auf den Heimweg und versuchte erfolglos, ihre innere To-do-Liste wieder zu finden. Sie ging die Flurtreppe hinauf und klingelte bei Marco und Martin. Marco öffnete. «Gehst du mit mir ins Gartencenter Blumen einkaufen?» Ohne die Antwort abzuwarten, stürmte Lena in die Wohnung. «Ich wünsche mir Rosen, Veilchen, Jasmin, Orchideen, Chilis, Zitronen …» «Okay, okay – ich hab verstanden», unterbrach Marco ihren Redeschwall. «Ich will nur noch schnell Martin Bescheid sagen.» «Meinst du nicht, er will mitkommen?» «Ich denke eher nicht, der ‹Falken› beschäftigt ihn doch sehr.» Lena hörte die Unsicherheit in Marcos Stimme noch nicht, zu laut waren die Stimmen der Vergangenheit. «Warum willst du eigentlich Blumen einkaufen?», fragte Marco, als sie schon die dritte Runde durchs Parkhaus Tivoli drehten. «Ich habe das Bedürfnis, etwas zu gestalten, was man anfassen kann.» Marco nickte. Als sie dann eine Viertelstunde später endlich im grünen Paradies angekommen waren, brauchten sie keine Worte mehr. Sie spazierten einmal an allen Regalen vorbei und packten ein. «Ich glaube, auf deiner Terrasse haben wir mehr Platz zum Umtopfen, was meinst du?» Lena nickte. Und wieder schwiegen sie. Sie schaufelten Erde, schnitten Blätter, gaben den Töpfen und Vasen ihren Platz, erst in Lenas Wohnung, dann war das Zuhause der beiden Männer an der Reihe. Mittlerweile war es Abend geworden. Die beiden sanken müde aufs Sofa. «Meinst du, es gefällt Martin, was wir gemacht haben?» Lena wandte den Kopf und sah, dass Marco sich Tränen von den Wangen strich. Sie umarmte ihn. «Natürlich, was für eine Frage. Schau dich um, was du ausgesucht hast, passt doch perfekt zu seinen Bildern. Du hast eure Wohnung noch schöner gemacht, falls das überhaupt möglich ist.» Marco schluckte, dann atmete er durch: «Ich bin froh, dass ich heute nicht allein bin.» «Das Hotelprojekt beschäftigt Martin schon sehr.» Fragend sah Lena ihren Freund an. «Naja, wenn er morgens aus seinem Malzimmer kommt, sieht er glücklich aus. Er erzählt von Jugendstilmustern und moderner Schlichtheit. Ich freu mich, ihm zuzuhören, aber ich hab doch nicht wirklich Ahnung, wovon er spricht.» «Das ist doch egal. Das Wichtigste ist doch, dass er erzählen kann und du zuhörst.» «Meinst du?» Marco lehnte sich bei Lena an und seufzte. «Ich vermisse es halt einfach, mal alleine Zeit mit ihm zu haben.» «Ich bin sicher, Martin vermisst das auch, aber das Projekt ist halt einfach eine Chance, und die will er jetzt nutzen.» «Tut gut, mal darüber zu reden, ich dachte schon, ich werde zickig.» Lena lachte: «Ich sag dir schon, wenn du zickig wirst. Schliesslich würde Zickigkeit deine Ausstrahlung empfindlich stören.» Marco gluckste: «Und das wollen wir selbstverständlich vermeiden.» «Auf jeden Fall.» Unvermittelt fixierte Marco Lena. «Dein Bedürfnis nach Gestaltung heute ist doch auch nicht von ungefähr gekommen?» Lena atmete durch, bevor sie antwortete: «Robert war hier.» «Was?!» Marco war aufgesprungen vor Schreck. «Und das sagst du erst jetzt?» Lena zuckte mit den Schultern. «Ich war vorher irgendwie nicht in der Lage dazu.» «Und was ist passiert?» «Ich hab ihm gesagt, dass ich die Scheidung will und er hat gemeint, ich könnt es ja mal versuchen.» «Das ist alles?» «Irgendwie ja und nein. Ich hab gerade keine Worte dafür.» «Hast du eigentlich heute schon etwas gegessen?», fragte Marco. Lena lachte. «Lach nicht, essen hat auch was mit Gestalten zu tun. Schliesslich kocht man mit den Händen» «Du hast recht. Nein, ich habe heute noch nichts gegessen. Aber ich wüsste gerade auch überhaupt nicht was.» «Okay, ich mach dir Vorschläge und du sagst ja oder nein. Lasagne.» «Nein.» «Dampfnudeln mit Vanillesosse.» «Nein.» «Curry mit Reis.» «Können wir auch Hörnli dazu machen?» «Können wir, aber wie kommst du auf Hörnli?» «Als ich klein war, hat mir meine Mutter immer Hörnli mit Hackfleisch und Rahmsosse gemacht, wenn ich krank war. Und Curry mit Hörnli könnte ja die Erwachsenenversion davon werden.» «Das ist selbstverständlich ein Argument für ein gutes Curry.» Eine Stunde später sassen die beiden satt und zufrieden vor dem Fernseher und sahen sich «Kiss the Cook» an. Und schon als der Abspann lief, schnarchten sie im Duett.


 

«Die Angst disziplinieren, um zu überleben»

Karlsruher Begegnung mit Ursula Meissner, die gerade aus Afghanistan zurückgekommen ist

«In den brenzligsten Situationen reagiere ich am besten. Muss ich auch, denn sonst wäre ich nicht mehr am Leben.» Scheinbar ruhig erzählt die Fotojournalistin Ursula Meissner bei der Eröffnung ihrer Ausstellung (Galerie Zikesch Art Consult, New-Jersey-Strasse 9056, Karlsruhe-Nordstadt) von ihrer Arbeit an den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Seit 1992 ist sie als freie Journalistin tätig, wählt ihre Projekte selbst aus. Ihr erstes Erlebnis mit der Dramatik eines Kriegsschauplatzes hatte sie jedoch bereits 1986. «Da lag ich zum ersten Mal in einem Schützengraben, die Erde bebte und ich dachte, jetzt ist es aus.»

Es war nicht aus, ganz im Gegenteil. Ursula Meissner lernte von erfahrenen Kollegen, was sie zum Überleben in den Kriegsgebieten braucht. «Das Wichtigste ist, die eigene Angst zu disziplinieren, damit man angemessen reagiert», betont sie. Der Schwerpunkt ihrer Bilder liegt auf Frauen und Kindern, die unschuldig unter dem Krieg leiden. «Die Menschen sind echt und unverfälscht. Sie haben nichts mehr zu verlieren und stellen sich nicht anders dar, weil sie fotografiert werden.» Zeitlose Bilder, die vom Überleben der Menschen berichten, ohne reisserisch zu sein, sind ihr Ziel. «Ein gutes Bild ist eines, das man lange in der Hand halten kann. Es berührt einen, man schliesst die Augen, lässt es zu, denkt darüber nach und gewinnt vielleicht eine Erkenntnis.» In Europa sei diese Intensität in Begegnungen viel schwieriger zu finden.

 

Nachdem Lena am Samstagmorgen die fertigen Layouts der Reportage von Carlo Leu bekommen, sie mit Eva besprochen und abgesegnet hatte, suchte sie diesen früher verfassten Text aus einem ihrer Ordner. Sie erinnerte sich, wie schwer es gewesen war, die Fotografin zu einem richtigen Gespräch zu bewegen. Ursula Meissner hatte sie damals nicht wirklich ernst genommen. Lena lächelte im Rückblick. Verständlich, dachte sie heute. Eine junge Frau, kurz nach der Matur, ohne viel Lebenserfahrung, will wissen, wie sich Krieg anfühlt. Wahrscheinlich sind Ursula Meissner dabei die Worte ausgegangen, mutmasste Lena. Sie war froh, dass ihre Position Carlo Leu gegenüber einfacher zu vertreten gewesen war. Sie hatte die Ideen geliefert und er hatte sie umgesetzt. Unaufgeregt, aber mit einem feinen Gespür für Evas Lebendigkeit.

Lena wäre den Erlebnissen der vergangenen Woche gern noch ein wenig nachgehangen. Doch bis zum Abend galt es, noch Banalitäten wie den Wocheneinkauf, die Wäsche und ein gewisses Mass an Putzarbeiten zu managen. Denn bis sie in nicht mehr ganz vier Wochen den neuen Job antrat, wollte sie die Wohnung so weit im Griff haben. Sie hatte gerade Geldbeutel und Handy in die Tasche gepackt, da klingelte es. Lena hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es Samstagmorgen öfter klingelte, wenn bei Marco und Martin Frühstückszeit war. Sie öffnete schwungvoll – da stand Robert. Es dauerte keine Sekunde, da hatte Lena ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. «Mach auf», befahl er. «Lena, mach sofort auf.» «Was willst du?» «Darüber spreche ich nicht in einem Hausflur.» «Und ich nicht in meiner Wohnung. Verlass das Haus, warte draussen bei deinem Wagen. Wir gehen zusammen Kaffee trinken.» Lena versuchte ruhig durchzuatmen. Es war helllichter Tag – er konnte ihr nichts tun. Als ihr Herz nicht mehr im Hals schlug, trat sie aus der Wohnung, der Flur war leer. Also war er tatsächlich draussen? Lena ging die Aussentreppe hinunter, da sah sie ihn neben seinem Mercedes stehen. «Schön, dass du es doch noch geschafft hast. Wohin fahren wir?» Lena stieg ein. «Nach Baden ins ‹Lights out›.» «Das klingt eher nach Bar als nach Café.» «Es ist beides.» «Du scheinst dich ja mittlerweile auszukennen.» «Parkier am Bahnhof.» Die Luft im Wagen schien immer dünner zu werden. Als das Auto stand und Lena ausstieg, ging es ihr bereits etwas besser. Sie machte einige Schritte voraus und fütterte die Parkuhr. «Wie viel Zeit bleibt uns?», fragte Robert. «Eine Stunde.» «Du bist ja furchtbar grosszügig.» Lena ging schweigend voraus, Robert folgte ihr rasch und als sie auf derselben Höhe waren, versuchte er, ihr immer näher zu kommen. Lena beschleunigte und war froh, als das «Lights out» vor ihnen auftauchte. Sie ging vor ihm durch die Tür, suchte den Tisch hinten in der Ecke aus und setzte sich so, dass sie freien Sichtkontakt zur Bar hatte. Robert nahm ihr gegenüber Platz und musterte sie kritisch freundlich. «Du scheinst abgenommen zu haben.» Sein Blick blieb an ihrem Ausschnitt hängen. «Und dein Kleidergeschmack scheint sich auch gebessert zu haben.» Nina brachte den Kaffee, Lena dankte ihr mit einem Nicken und die junge Frau signalisierte mit einem Lächeln, dass sie Lena erkannt hatte. «Robert, was willst du?» «Reden. Ich meine, ein kleiner Fehltritt braucht doch nicht das Ende einer Ehe zu sein.» «Ich muss dich wohl daran erinnern, wer von uns beiden die Trennung diktiert hat.» «Von Diktieren kann nicht die Rede sein. Ich habe lediglich um Zeit gebeten. Und die habe ich genutzt.» Mit einem selbstgefälligen Lächeln lehnte er sich im Stuhl zurück. «Ich habe mir überlegt, für ein Sabbatical in die Schweiz zu kommen. Sicher könntest du für uns die entsprechenden Räumlichkeiten organisieren. Dann hätte ich Zeit, die Zukunft meines Unternehmens zu planen, während du im Berufsleben stehst.» «Hat Annabell eure Zweisamkeit beendet?» Lena erschrak selbst ob der offenen Spontanität der Frage. Doch sie biss die Zähne zusammen. «Jetzt keinen Rückzieher machen», dachte sie. Roberts Kieferknochen traten langsam hervor. «Das geht dich eigentlich nichts an, aber ich will es dir dennoch verraten. Ja, unsere Liaison ist zu Ende.» Er hatte Lenas Hand ergriffen, bevor sie sie zurückziehen konnte. «Aber ich habe ja dich.» Er löste den Blick von ihren Augen und besah sich die Hand. Der Druck wurde schmerzhaft. «Wo ist der Ring?» «Auf dem Grund der Limmat.» «Du willst mich provozieren.» «Nein, ich will die Scheidung.» «Den Teufel werd ich tun, dir mein hart erarbeitetes Geld in den Rachen zu werfen.» «Ich will dein Geld nicht. Ich will meine Freiheit.» «Deine Freiheit», Robert hatte Lenas Hand losgelassen und lachte. «Und was ist sie dir wert?» «Du zahlst die Hälfte der Scheidungskosten, inklusive Anwalt. Ich will keinen Zugewinnausgleich und gar nichts. Nur schnell soll das Ganze gehen.» Robert lachte wieder. «Du kannst deinen Anwalt ja mal eine Konvention aufsetzen lassen. Ich überleg mir dann, ob ich sie unterzeichnen will.» Er erhob sich. Mit einem zynischen Lächeln steckte er Geldbeutel und Handy, welche er auf den Tisch gelegt hatte, zurück in seine Manteltasche. «Ich denke, dein Geld reicht, um mich auf einen Kaffee einzuladen.» Er beugte sich zu Lena herunter. Sie sah ihm in die Augen, hielt trotz der Kälte darin seinem Blick stand. Robert griff ihr grob in die Haare und hielt sie am Kopf. «Schade, heute hätte es mich tatsächlich wieder gereizt, dir zu zeigen, was den Mann im Haus ausmacht.» Er lachte gewollt ordinär, als er das Lokal verliess.