Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Die Freude an einem Experiment. Ich bin von Ueli Suter, einem vielseitig engagierten Literaturvermittler, für eine Lyriklesung im Kloster St. Urban  angefragt worden und habe mit Herzklopfen zugesagt. Herzklopfen, weil ich mich seit über 20 Jahren nicht mehr mit Lyrik auseinandergesetzt habe. Aber ich geniesse die Herausforderung! Ich suche die Essenz unterschiedlicher Textformen und versuche sie lyrisch zu übersetzen.

Seid dabei, wenn ich am 7. Juni um 17 Uhr über meine Erkenntnisse sprechen darf. Ich freue mich auf Euch!


 

Liebe Frauen,

ich glaube, wir kennen das alle, wenn der morgendliche Blick in den Spiegel Falten offenbart deren Existenz wir vorher nie bemerkt haben. Der gesunde Bio-Apfel wartet noch im Laden darauf von uns verspeist zu werden. Stattdessen schmecken heute ein Stück Brot und ein Täfelchen Schokolade. Der lebenswichtige Bericht wird in letzter Minute fertig. Der Kalk auf den Badezimmerfliessen scheint uns auszulachen bevor wir uns dem Putzschwamm überhaupt nähern können. Und der Geburtstag des guten Freundes war gestern. Der ganze Tag scheint eine Sammlung persönlicher Unzulänglichkeiten und wenn es möglich wäre, sich vor sich selbst zu verstecken, wir würden es tun.

Aber heute ist der 8.März. Heute ist Tag der Frau. Darum habe ich eine Bitte: Begegnen wir uns, wie wir einer guten Freundin begegnen würden - mit Liebe. Trösten, ermuntern, stärken wir uns und vielleicht bleibt unerwartet etwas Positivität übrig. Die können wir weitergeben - an eine Frau, die uns beeindruckt, herausfordert, inspiriert.

Versteht mich richtig: Wir müssen uns nicht alle gegenseitig lieben. Ich bin gegen den weiblichen Zwang zum Gruppenkuscheln. Aber ich bin für unvoreingenommene Wahrnehmung und Respekt - mir selbst wie anderen gegenüber. Eine Sie kann mir völlig unsympathisch sein, aber ihr Fachwissen ist unübertroffen. Die zwei Fakten beissen sich nicht. Ich kann sie beide stehenlassen und von ihr lernen.

Behandelt euch mit Liebe, gebt Respekt weiter. Denn wir Frauen verdienen das Beste! Lasst uns gemeinsam feiern!


 

Ich bin auf dem Weg ins Migros-Restaurant und freue mich auf einen Kaffee. Ein älterer Herr sitzt mit Freunden an einem Tisch, lächelt mich an und hebt die Hand zum Grusse. Ich versuche mich im Lächeln und nicke ihm zu. "Habe ich etwa schon wieder ein Gesicht vergessen", frage ich mich im Geheimen nervös. Nachdem ich Taschen und Jacke platziert habe, gehe ich auf dem Weg zum Tresen an ihm vorbei. "Schön wenn jemand so strahlt." "Mir geht es gut, wie geht es dir? "Mir geht es auch gut. Ich bin zufrieden." "Was für eine Floskel", tönt es in meinem Gehirn. "Schön, ich freue mich, wenn du dich freust." "Vielen Dank und einen einen guten Tag noch." Ich hole mir mein Frühstück, setze mich, greife automatisch nach Block und Stift. Ich arbeite ganz "normal" vor mich hin, bis es Zeit für den Einkauf ist, damit ich den Zug noch schaffe. Ich lächle den Mann noch einmal an, als ich an dem Tisch vorbei gehe. Eine Begegnung mit Folgen, den plötzlich sehe ich auch im Lebensmittelladen überall lächelnde Menschen. So viele, dass ich, glaube ich vor Verwunderung, mitlächle. Und es fühlt sich schon natürlicher an. Vielleicht können Sie es sich denken, es wurde ein guter Tag.

In der Zwischenzeit war ich auch immer wieder mal unterwegs. Die Begegnungen mit dem Lächeln aber schon seltener. Ich weiss nicht warum. Ich könnte Vermutungen anstellen. Lieber halte ich mich an die Fakten. Das Ende der Maskenpflicht ist gerade zehn Tage her, das Lächeln ist ein Baby. Und einem Baby würden wir nie sagen: "Jetzt hab dich nicht so, das Leben ist kein Ponyhof. Es dreht sich nicht alles um dich, musst halt selber kucken, wo du bleibst." Um ein Baby würden wir achtgeben, es würde Beschützerinstinkte wecken. Vielleicht sollten wir dem Lächeln ab und zu die Windeln wechseln, damit es wieder strahlt...