Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

in den Traum von einem Bild. Schönheit, Weitblick, Meer, Luft - unzählige Möglichkeiten. Ehrlich gesagt weiss ich nicht mehr auf welcher Schifffahrt dieses Bild entstanden ist. Aber ich weiss, dass ich mir dieses Lebensgefühl von Fülle für 2023 wünsche - für Sie und für mich. Darum werde ich mit Ihnen teilen, was mir begegnet: Bücher, Autoren, Erkenntnisse, Geschriebenes. Lassen Sie uns genüsslich neugierig bleiben.


 

Ein unzensierter Ausschnitt aus meinem NaNoWriMo Werk, Fehler inklusive

Trotzdem langsam die Treppe runter, tief einatmen und dann untertauchen unter der Abschrankung hindurch auf die zweite Bahn, an die Oberfläche, einen Moment gleiten lassen bevor die Arme wie von selbst, das gewohnte Oval formten. Margareta spürte ihre Schultern, konzentrierte sich, damit die Arme eine saubere Linie zogen und nicht vor sich hin platschten. Dasselbe bei der Froschbewegung der Beine. Sie mochte das Wort für die Beinbewegung nicht, aber ihr fiel nichts anderes ein. Ihre Knie waren beide operiert, die Bänder immer noch sehr lose, darum bewegte sie die Beine möglichst kontrolliert, damit nichts knackte, auskugelte oder überdehnte. Langsam hatte sie sich ihren Rhythmus erschwommen. Nun begann sie das Wasser zu sehen, der Schwung der Wellen, die ihre Arme erzeugten. Die Reflektionen vom Deckenlicht und manchmal blendete der Sonnenschein, der durch die Seitenfenster hereinstrahlte. Sie begann das Wasser zu hören, das leise Säuseln an ihren Ohren, wenn ihr besonders schöne Schwimmbewegungen gelangen. Wenn sie mal eine oder zwei Längen in Crawl versuchte, mehr lagen nicht drin, weil die Kondition nicht mehr hergab, dann war es ein lautes «Platsch». Ziemlich regelmässig, denn die Technik beherrschte Margaretha. Manchmal machte sie Pause am Beckenrand, streckte und dehnte sich, liess ihre Hände ohne Kraftaufwand durchs Wasser gleiten, liess sich vom Element streicheln. Im Wasser fühlte sie sich stark. Sie war getragen – das Wasser liebte sie. Sie hatte gute Freundinnen, die seit Jahren nicht mehr schwammen. «Nein, mich selbst in einem Badeanzug – das geht gar nicht.» «Aber das sieht im Wasser doch keiner.» «Aber beim reingehen und rauskommen.» Das stimmt, doch Margareta wollte sich von diesem Fakt das Schwimmen nicht nehmen lassen. Langsam spürte sie die Beine müden werden. Sie machte eine Pause am Beckenrand, dann liess sie sich auf den Grund des Beckens sinken und  tauchte, glitt so lange wie möglich dem Boden entlang. Sie wusste, wenn sich erst einmal Beine und Hintern hochblubbern liessen, dann brauchte das Tauchen viel zu viel Kraft. Aber das war nicht die einzige Schwierigkeit, die das Alter mit sich gebracht hatte. Heute spürte sie den Ohrendruck, von dem die Eltern immer gesprochen hatten, wenn sie sich als Kind das Ziel des 25Meter Tauchens gesetzt hatte. Heute erreichte sie kaum noch zwölf. Stresste sie das? Jein. Auf der einen Seite hätte sie gerne so viel Zeit gehabt, die Wellenspiegelungen auf dem Boden zu verfolgen. Auf der anderen Seite war sie so schön, die stille Welt, in der keine Stimmen klangen, ausser jene in ihrem Kopf. Und wenn sie vorher lange genug geschwommen war, dann schwiegen sie. Und das war das Wundervollste überhaupt – keine Stimmen im Kopf. Keine To dos, keine Kritiken, keine Fragen an sich selbst. Und wenn ihr das gelungen war, dann dauerte es sogar noch eine Weile bis die Stimmen zurückkamen. Diese Zeit fehlte später im Tagesplan – aber sie war unglaublich.


 

Ruth hatte keine Lust auf Chilbi oder Markt. So viele Menschen, immer die gleichen Stände. Zauberputzmittel, billige T-Shirts mit vermeintlich hochgeistigen Motiven wie dem Wolf in der Einsamkeit oder einem Indianerhäuptling. Nicht zu vergessen Konfitüre, Bettsocken und Schallplatten. Aber Lucian liebte das Karussell und den Autoscooter – also… «Lucian! Jacke anziehen, mit Kapuze ohne Widerrede. Wir gehen zur Chilbi.» «Jaaa.» Es dröhnte durchs Haus. «Darf ich meine fünf Franken mitnehmen?» «Ja, du darfst.» Amüsiert beobachtete Ruth mit welch heiligem Ernst ihr Sohn sein Portemonnaie in der inneren Jackentasche verstaute. Keine Viertelstunde später standen sie mitten im Gewühle und Ruth versuchte Lucian nicht aus den Augen zu verlieren. Als sie den letzten Möchtegernrocker zur Seite geschoben hatte, sah sie gerade noch, wie Lucian sich von der sich drehenden Teetasse aufs Pferd gewechselt hatte um ihr von dort aus glücklich zuzuwinken. Sie winkte zurück und versuchte zu lächeln. Auch wenn sie Angst hatte, Lucians Vater hier zu begegnen. Er war wieder verheiratet – mit der perfekten Frau. Ruth war nicht perfekt. Sie hätte einen Haarschnitt gebrauchen können. Die Wohnung stand Kopf und für die meisten war ihr Job als Journalistin eine Fortsetzung vom Aufsatzschreiben aus der Schule. «Mama hast du gesehen, wie gross das Pferd auf dem Karussell war? Sein Kopf war höher als meiner.» «Du hast das toll gemacht. Wohin möchtest du jetzt?» «Jetzt müssen wir Reinhard Mey umdrehen.» «Wie bitte?» «Reinhard Mey umdrehen – komm ich zeig's dir.» Lucian rannte zum Stand mit den Luftballons. «Du willst sicher den roten oder?» Ruth nickte leicht überfordert. Lucian bezahlte, kam zurück und drückte seiner Mutter die Schnur in die Hand. «Jetzt musst du den Ballon über die Wolken schicken.» «Aber du hast den gerade erst gekauft.» «Das ist egal. Wir müssen Reinhard Mey umdrehen.» «Lucian erklär mir das bitte.» «Also der singt doch über den Wolken gibt es keine Sorgen, weil die dann versteckt sind.» Ruth nickte. «Aber wir können nicht über die Wolken fliegen.» Wieder nickte Ruth. «Also schicken wir die Sorgen mit einem Ballon über die Wolken, dann sehen wir sie auch nicht mehr.» Erwartungsvoll sah Lucian seine Mutter an und Ruth liess die Schnur los.