Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Es dauerte, bis Lena in der Lage war, sich aufzurichten. Wie hatte sie so viel ihrer Lebenszeit verschwenden können? Kein Auslandsjahr, kein Studium, keine Reisen – keine eigenen Entdeckungen. Lena nahm den Bus. Vorbei. Jetzt führte der Weg geradeaus. Zu Hause wechselte sie Schuhe und Jacke. Sie packte ihr Hochzeitskleid mit allem, was dazugehört hatte, in eine Tüte. Der Weg in den Wald kam ihr beschwerlich vor. Sie war froh, dass bei dem schmuddeligen Wetter kaum jemand draussen war. So konnte sie schnaufen, ohne gehört zu werden. Die Feuerstelle lag ein paar Schritte neben einer Lichtung. Weil Lena sich nicht sicher gewesen war, ob es trockenes Holz geben würde, hatte sie ein paar Kohlen eingepackt. Sie baute ein Feuer auf, es brannte schon nach wenigen Minuten lichterloh. Sie blies immer wieder in die Flammen. In Gedanken versunken kauerte sie da, bis ihr fast die Beine eingeschlafen waren. Sie erhob sich und schüttelte sie sorgfältig aus. Lena zog ihr Hochzeitskleid aus dem Plastiksack, betrachtete es schweren Herzens. Ein bodenlanger Rock aus cremefarbener Wildseide, das Oberteil einer Corsage ähnlich mit kleinen Puffärmeln. Dazu Handschuhe, im Haar hatte sie ein Blumenkränzchen getragen. Ich war eine richtig romantische Braut. Langsam ging Lena mit dem Kleid zum Feuer, hob es über die Flammen und senkte die Arme. Die Flammen umspielten den Saum erst wie einen Schmuck, dann hinterliessen sie knisternd schwarze Spuren im Stoff und frassen sich immer höher, bis Lena auch das Oberteil dem Feuer übergeben hatte. Sie spürte warme Tränen auf den Wangen. Es folgten die Handschuhe und der Blumenkranz. «Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.» Die Worte einer Bestattung. Lena setzte sich auf einen nahe gelegenen Baumstamm.

Sie erinnerte sich an ihre erste Beerdigung. Es musste jene des Grossvaters gewesen sein. Sie war ungefähr vier Jahre alt. Der Kirchgang selbst war schön gewesen. Aber sie verstand nicht, warum die Frauen weinten und viele der Männer Witze machten. Hatten die Erwachsenen doch vorher einstimmig erklärt, der Grossvater sei jetzt an einem besseren Ort. Später wurde ihr klar: Eine Beerdigung ist für die Hinterbliebenen da. Sie spüren eine Lücke, die sich nicht einfach schliessen lässt. War heute ihre Ehe gestorben? Lena sah dem Rauch nach, wie er vom Wind davongetragen wurde. Robert schien keinen Verlust zu empfinden, wie sie am Vormittag spürte. Worum trauerte sie? Sie erhob sich: «Ich begrabe heute die 18-jährige Romantikerin, die alles tun wollte für einen Traum, den es in Realität nicht gibt. Ruhe sanft, kleine Träumerin, du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben. Vielleicht besuche ich dich manchmal hier, vielleicht werde ich dich ab und an mit einer verrückten Liebschaft ehren. Du bist Vergangenheit. Ich bin heute, und die Liebe lasse ich nicht sterben.» Lena sah den Flammen zu, bis das Feuer erloschen war. Sie warf die Tüte in den Müll und machte sich steifgefroren auf den Heimweg.


 

«Herr und Frau Kronenberg, ich habe hier den Antrag auf eine Konventionalscheidung vorliegen. Ist dieser immer noch aktuell? Sind Sie willens, sich scheiden zu lassen?» Der Richter hatte eine ruhige Stimme. «Ja», sagte Lena. Roberts Antwort nahm sie gar nicht wahr. Aber er musste ebenfalls Ja gesagt haben, denn der Richter sprach weiter. «Sie haben beide die Scheidungskonvention unterschrieben. Hat diese Unterschrift für Sie beide nach wie vor Gültigkeit?» Wieder bejahte Lena. Der Richter nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. «Gut, dann muss ich Sie jetzt noch einzeln befragen.» Robert erhob sich, um den Raum zu verlassen, und lächelte Lena an. «Ladys first.» Als die Tür sich geschlossen hatte, wandte sich der Richter direkt an Lena. «Frau Kronenberg, was sind die Gründe für Ihren Scheidungswunsch?» «Ich habe sehr jung geheiratet. Mein Mann und ich haben uns im Laufe der Jahre in sehr verschiedene Richtungen entwickelt. Unsere Lebensentwürfe sind mittlerweile unvereinbar. Ich denke, es ist einfach besser, einen Schlusspunkt zu setzen.» Der Richter schrieb fleissig mit. «Ist Ihnen bewusst, dass Ihnen mehr Geld zustehen würde, als es die Konvention vorsieht?» «Ja, das ist mir bewusst. Aber ich bin noch in dem Alter, in dem ich gut für mich selbst sorgen kann. Ich möchte weitere Diskussionen oder auch eine mögliche finanzielle Abhängigkeit vermeiden. Darum halte ich das für die beste Lösung.» Der Richter nickte. «Gut, Frau Kronenberg, dann schicken Sie mir doch jetzt Ihren Mann herein.» Das Aufstehen fiel Lena schwer. Robert lächelte Lena an, als sie aneinander vorbeigingen. Lena fragte sich, was er dem Richter wohl erzählen würde. «Ich denke, es erwarten uns keinerlei Überraschungen mehr», sagte Marco Caruso. «Warten wirs ab.» «Machen Sie sich keine zusätzlichen Sorgen. Meines Erachtens hat er aufgegeben.»

Die Tür öffnete sich und Robert winkte sie wieder herein. «Nun, da sie beide willens sind, die Scheidung auf der Grundlage der vorliegenden Konvention zu vollziehen, werden wir den Antrag gutheissen. Das heisst, sie bekommen in den folgenden Wochen das Urteil zugestellt. Von da an gilt die Einsprachefrist von 30 Tagen. Tätigt keiner von Ihnen eine solche, wird das Urteil rechtskräftig.» Man schüttelte sich freundlich die Hände. Wie in Trance verliess Lena das Gerichtsgebäude. Im Park davor verabschiedete sie sich von Marco Caruso. «Melden Sie sich jederzeit, falls noch Fragen auftauchen.» Er warf einen Blick hinter Lenas Schulter. Robert schien auf sie zu warten. «Kann ich Sie alleine lassen?» Lena nickte. «Ja, das können Sie. Ich komme klar. Es ist vorbei. Ich danke Ihnen.» «Gerne, auf Wiedersehen, Frau Kronenberg.» Als er sah, dass Marco Caruso sich von Lena entfernte, kam Robert näher. «Schon ein komisches Gefühl, dass wir jetzt hier stehen, was. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns scheiden lassen. Aber ich bin froh, dass mein Plan funktioniert hat.» «Dein Plan?!» Lena unterdrückte mit knapper Not ein Brüllen. «Ja, mein Plan. Als ich erkannte, dass unsere Ehe keine Zukunft mehr hat, überlegte ich, wie ich dich möglichst unbeschadet aus der Situation herausbringe. Und jetzt, sieh dich an – auf dem besten Weg, in deinem Traumjob Fuss zu fassen, eine eigene Wohnung, eine gepflegte Erscheinung.» «Dein Plan.» «Ja», Robert nickte mit einem Lächeln. «Du musst doch zugeben, dass ich damit recht hatte. Jetzt bist du wieder frei.» Lena atmete tief durch. «Du glaubst tatsächlich, was du da erzählst?» Robert sah sie unschuldig an. «Wie wäre es denn gewesen, wenn du geplant hättest, mich nicht zu betrügen? Du hättest auch planen können, mich nicht einfach als Spielfigur auf dem Schachbrett deines Lebens zu betrachten. Oder du hättest planen können, um unsere Ehe zu kämpfen. Aber dafür hättest du die Initiative ergreifen müssen – und es ist doch wesentlich einfacher, das Leben machen zu lassen und dann darauf zu reagieren. Es als Ritter zu meistern, um sich dann von der holden Maid beklatschen zu lassen. Du säuselst mir hier was vor in der Hoffnung, Absolution für deinen Mist zu erhalten. Darauf kannst du lange warten. Ich bin froh, dich los zu sein.» Ihr ging beinahe die Luft aus. «Aber ich habe dich geliebt. Ich habe dich so sehr geliebt, dass es weh getan hat. Wenn du dich an den Abenden im Tanzklub nur mit anderen Frauen unterhalten hast. Wenn du über meine kleinen Artikel gelacht hast. Wenn du das Licht ausgemacht hast, ohne gute Nacht zu sagen. Oder wenn ich abends auf dich gewartet habe, weil deine Termine länger gedauert haben. Und es tut heute noch weh, wenn unsere Lieder im Radio laufen. Wenn ich irgendwo dein Parfum rieche. Wenn ich an unseren ersten Ausflugsplätzen vorbeikomme, wo alles voll Erinnerungen ist – also verpiss dich mit deinem Gelaber. Verpiss dich in dein perfektes Haus. Such weiter nach der perfekten Frau, die nur deine Ansichten hat. Ich wünsch dir sogar, dass du sie findest. Aber komm mir nie mehr unter die Augen.» Robert drehte sich um und ging. Lena zählte die Schritte, bis er bei seiner Luxuskarosse angekommen war. 53. Er drehte sich noch einmal um, dann fuhr er davon. Lena wartete, bis er hundertprozentig ausser Sichtweite war. Sie lehnte sich an den nächsten Baum und übergab sich.


 

Als Lena am Montagmorgen im Zug zur Arbeit sass, war sie nervös. Sie hatte am Abend zuvor einen Smiley von Luis erhalten. Sein Zeichen, dass er gut in Süditalien angekommen war. Da dämmerte ihr, dass sie keine Handynummer von Oliver hatte. Sie konnte sich nicht mit ihm absprechen, was ihr Verhalten im Büro betraf. Wie würden sie sich begegnen? Sich begrüssen? Lenas Hände zitterten, als sie die letzte Glastür zum Büro aufstiess. Er war nirgends zu sehen. Aber sie traute ihm zu, kaum dass sie sich auf den Bildschirm konzentrierte, aufzutauchen. Lena seufzte. Hilft nichts, dachte sie, liess den Computer an und öffnete die Mailbox.

Betreff: Ferienvertretung

Bitte beachten Sie, dass unser Computertechniker Oliver Welch diese Woche Urlaub hat. Seine Vertretung übernimmt Felicitas Hoffmann (Tel. 073 697 70 73).

Mit freundlichen Grüssen

Clara Schüppbach

Lena schluckte. Sie hätte erleichtert sein können. Doch das Gespräch mit Oliver, das erste Aufeinandertreffen nach dem Abendessen, verschob sich nur durch Olivers Urlaub. Lenas Handy klingelte: «Hallo Schwesterherz, kann ich heute zum Abendessen kommen? Ich sorge auch dafür, dass wir nicht verhungern.» «Keine Pizza.» «Warum?» «Darum – keine Pizza.» «Okay. Hörnli und Ghacktes?» Lena atmete durch. «Ja, das ist die perfekte Alternative.» «Um 18 Uhr?» «Eine halbe Stunde später, okay? Ich will noch zum Friedhof.» «Passt, grüss Mama von mir. Bis später.» Lena legte das Handy weg. Sie wusste, warum Marina zum Essen kommen wollte. Marina wollte sie vom Scheidungstermin in dieser Woche ablenken. Sie seufzte noch einmal, dann machte sie sich an die Arbeit.

Sie war froh, dass sich in der Redaktion schon Automatismen entwickelt hatten. Termine wahrnehmen, Bilder organisieren, schreiben. Für den Artikel heute würde sie wohl keinen Preis gewinnen, doch er war brauchbar. Auf dem Weg zum Friedhof besorgte sie frische Blumen. Am Grab angekommen, widmete sie sich eine ganze Weile der Neudekoration, bevor sie zu sprechen begann. «Hallo Mama. Ich wollte unbedingt noch vor dem Gerichtstermin mit dir reden. Ich muss wissen, hast du dich damals auch so zweigeteilt gefühlt? Ich meine, ich bin wütend über Roberts Betrug, nach wie vor. Trotzdem höre ich, wenn ich allein bin, immer noch diese hämische Stimme in meinem Kopf: Du hättest dich ja öfter hübsch machen können. Andere Frauen arbeiten auch viel, ohne ihre ganze Freizeit in Jogginghosen auf der Couch zu verbringen. Schliesslich hättest du einkaufen, kochen und putzen können.» Es hat sich so viel verändert, doch diese Stimme hat sich irgendwie in meinen Hirnwindungen eingenistet. Lena atmete durch. Bist du jemals wieder ganz zur Ruhe gekommen? Ich meine, ich erinnere mich, als ich im Teenageralter an Liebeskummer litt. Du hast mich getröstet. Aber irgendwann hast du dich umgedreht und so zu dir selbst gesagt: «Ich habe euch einfach zu viel Eigensinn mitgegeben.» Ich glaube, damit lagst du falsch. Es war nicht genug Eigensinn. Bitte schick mir deinen als Verstärkung. Ich will das Gericht am Freitag nicht als geschlagenes Weibchen verlassen. Schick mir deine Unterstützung! Lena ging die Luft aus. Mit den Worten «Ich hab dich lieb» verliess sie den Friedhof. Und sie war glücklich, dass Marina zu Hause mit Hörnli und Ghackets, dem Lieblingsgericht ihrer Kindheit, auf sie wartete.