Meine Mutter war eine faszinierende Frau. Intelligent, liebevolle und für jedes Problem anderer eine Lösung in der Tasche. Doch an der Gleichzeitigkeit hat sie gelitten. Stets gut aussehen, 24 Stunden nett zu den Menschen sein, einem Chef niemals zeigen, dass man schlauer ist, einem Partner immer das Gefühl geben, er hätte die Welt im Gripp, auch wenn alles Lebensnotwendige bereits geregelt ist. Meine Mutter ist 1947 geboren. Das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde 1971 eingeführt. Zehn Jahre später (ich war gerade vier Jahre alt) wurde der Grundsatz der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Verfassung verankert. Was ich damals noch nicht wusste, meine Mutter würde ihren 54 Geburtstag nicht erleben. Das heisst, mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie im inneren und äusseren Zwiespalt verbracht.
Die Kontroversen haben sich inzwischen verändert. Verschwunden sind sie nicht. Macht mich das manchmal wütend? Oh ja – und mit 49 Jahren traue ich mich endlich auch laut zu werden. Doch das braucht immer noch Mut. Und die Grundlage für Mut ist Kraft. Also bitte ich heute, an ihrem Streiktag, die Frauen um zwei Dinge: Stärkt einander den Rücken. Und lasst einander nicht alleine, wenn eine sich (noch) nicht traut, die Stimme zu erheben.



