Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Es geht mir gut. Das ist mir bewusst und ich meine es ernst. Denn nur weil dem so ist, hat dieses andere Gefühl Platz: Die Sehnsucht. Derzeit ergreift sie mich, wenn ich Bilder von Wasser sehe. Seen oder Meer - ein Sonnenuntergang ist gar nicht nötig. Ein Schiff unterwegs in den Wellen reicht völlig aus. Denn dann packt es mich - ich träume mich an Deck des Schiffes, lasse mir vom Wind die Haare zausen und schaue in die Wellen. Stundenlang. Ich vermisse unsere nicht vollbrachte Frühlingsreise, seufze leicht, wenn ich von der Projektion in die Realität zurückkehre. Und schmunzle, denn es ist ein Glück, sehnsüchtig sein zu können.


 

Als Fünfjährige habe ich viele Bilder gemalt, auf denen Menschen im Kreis tanzten. Das hatte ich im Kindergarten gelernt. Meine Bilder mussten immer bunt sein. Ich benutzte Lippenstift, Textmarker, Filzstifte, alles was mir kräftig genug schien. Die Figuren selbst sahen von der Form her, immer sehr ähnlich aus. Aber für jede suchte ich liebevoll eine Farbe aus. Seit dem Tod von George Floyd ist Rassismus das Thema in den Nachrichten. Ich muss zugeben, ich bin nicht mehr das vorurteilsfreie Kind von damals. Aber ich finde auch heute noch, wir können mit unseren Spielkameraden (Übersetzung für Erwachsene: Nachbarn) über alles sprechen. Jeder mit den selben Rechten. Es lassen sich Lösungen finden. Und das Gemeinsame macht das Leben bunt. Der Kreis tanzender Menschen könnte als Vision Board der Gesellschaft Glück für die Zukunft bedeuten.


 

In einer gleichberechtigten, egalitären Partnerschaft leben und Unterstützung erfahren – für mich ein Glück meines Lebens. Doch dieses Glück ist kein Allgemeingut. In Bezug auf die Gesellschaft als Ganzes wäre das maximal eindimensional gedacht. Ich will mehr wissen und frage nach. Anja Derungs ist seit 2012 Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragen. Zum Einjährigen des Frauen*streiks am 14. Juni 2019 gibt sie mir, im Rahmen eines Interviews, einen Einblick in ihre Arbeit und ihre Gedanken.

Anja Derungs, wie kann ich mir Ihre Arbeit vorstellen?

Auf der Fachstelle für Gleichstellung setzen wir uns täglich für die rechtliche und gelebte Gleichstellung von Frauen und Männern, von Lesben, Schwulen und Bisexuellen, von intergeschlechtlichen und Transmenschen ein. Wir informieren, beraten, vermitteln in Konflikten, bieten Weiterbildungen an, machen Projekte und führen eine Bibliothek zu Gleichstellungsthemen.

Ein aktuelles Beispiel – das Lehrmittel «be yourself» für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 18 Jahren. Im Zentrum von «be yourself!» stehen sechs Filmszenen. Es geht um Themen wie «Zu den eigenen Gefühlen stehen», «Rollenbilder», «Übergriffe», «Körperbild», «Selbstwahrnehmung» und «Sexuelle Selbstbestimmung». Es gibt ein Begleitmaterial, worin sich abgestimmte Diskussionsfragen, Übungen und Hintergrundinformationen zu den Themen finden. Die Videosequenzen sind untertitelt. Für Jugendliche mit einer Hör- oder Sehbeeinträchtigung gibt es sie auch mit Gebärdensprache und Audio-Deskription.

Oft spielen in der Gleichstellungsarbeit mehrere Faktoren auf einmal mit: Eine alleinerziehende, schwarze junge Frau begegnet auf dem Arbeitsmarkt anderen Herausforderungen als eine weisse Frau über 50. Ein schwules Liebespaar wird abends auf dem Heimweg oft anders beachtet und behandelt als ein heterosexuelles Paar. Eine Frau mit Behinderung trägt ein erhöhtes Risiko für Benachteiligung und Diskriminierung. Vor einem Jahr fand der Frauenstreik statt, der eine unglaubliche Kraft hat – seither ist einiges passiert (bspw. Helvetia ruft). Dank vielen mutigen Frauen und solidarischen Männern.

Welches Ereignis, welche Veränderung im vergangenen Jahr hat Sie glücklich gemacht?

«Glück» ist ein schillernder Begriff – und ein Gefühl, das sich (leider) nicht festhalten lässt. Glück entsteht im Moment. So hat mich letztes Jahr der Frauen*streik glücklich gemacht: Es war eine wunderbare Erfahrung, so viel Frauenpower, Energie und Kraft und so viel Männersolidarität auf den Strassen zu sehen! Auch wenn der Frauen*streik dieses Jahr aufgrund der Pandemie-Situation anders aussehen wird, die Themen sind da, und werden es bleiben.

Welches Glück würde die Gleichstellung aller Menschen bedeuten?

Das Ziel von Gleichstellungsarbeit ist zwar nicht Glück, sondern Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Aber: In einer Gesellschaft, in der alle Menschen – unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung – gleichwertige Chancen haben und in der sich alle auf Augenhöhe begegnen, da ist die Chance, dass mehr Menschen mehr glückliche Momente erleben grösser als in einer ungerechten Gesellschaft. Letztendlich teilen wohl viele Menschen das Bedürfnis nach einer gerechte(re)n und solidarischen Gesellschaft. Wer echte Gleichstellung und Gleichberechtigung will, kann nicht einfach nur auf Glück hoffen und bauen.