Schön, dass Sie da sind. Meine Worte und ich freuen uns, von Ihnen gelesen zu werden. Ich bin Journalistin, Kommunikationsbeobachterin auf allen Ebenen und Literaturliebhaberin. Sie finden hier Workshopangebote und Texte, die inspirieren wollen. Aber auch kleine Sprachjuwelen, die mir begegnet sind, teile ich mit Ihnen. Lesen Sie einfach weiter…


 

Gestern begegnete mir ein Zeitungsartikel mit dem Titel «Achtsam sein und sich etwas Gutes tun». Sofort erinnerte ich mich an den 10. September. An jenem Abend habe ich online an einem ermutigenden Anlass teilgenommen. «Aufeinander zugehen – können wir’s noch?» war die Frage der Stunde im Rahmen der Aktionstage Psychische Gesundheit im Aargau. Teilnehmende tauschten aus, die Reaktionen hat das Playbacktheater gehdicht.ch szenisch umgesetzt. Ich merkte, wie sich die Menschen mental an Begegnungen herangetastet haben. Keine Wertung der Empfindungen. Die Welt wurde frei und voll von Möglichkeiten.

Die Zeit für Inspiration ist noch nicht vorbei. Programm unter www.ag.ch/aktionstage

Und weil jeder Schlusspunkt der Anfang für etwas Neues sein kann, mein persönlicher Hinweis auf den 1. November: «Sag mal… Fragen, die Generationen verbinden». Wie können Mutter und Sohn, oder Enkeltochter und Oma den Alltag hinter sich lassen und auf einer anderen Ebene miteinander sprechen? Ruth Treyer, Pro Senectute Aargau, Bereichsleiterin Soziales, Sara Michalik-Imfeld, lic. phil., Verband Aargauer Psychologinnen und Psychologen (VAP) und Josefine Krumm, Verein Nichten & Neffen, geben Anregungen.

Lebendige Begegnungen sind ein Geschenk. Den Raum dafür zu schaffen eine weise Entscheidung. Denn ich glaube jenseits von äusseren Gegebenheiten bittet die Zeit um Gefühl, darum dass wir liebevoll mit ihr, und so auch mit uns, umgehen.


 

Oktober ist Brustkrebsmonat. Während 31 Tagen will man Vorbeugung, Erforschung und Behandlung der Krankheit ins öffentliche Bewusstsein rücken. Viel Arbeit. Meine Mutter ist an den Folgen des Brustkrebses gestorben. Ich weiss, wie viele Tabus ihr Leben mit der Krankheit geprägt haben. Also nutze ich meinen Beruf und erzähle als Journalistin Geschichten, die sonst verborgen blieben.

Ich besuche «The Hair Center» am Graben 8 in Aarau. Auf dem Informationsblatt steht: «Seit 1972 der führende Zweithaarspezialist in der Schweiz.» Im Eingangsbereich tragen Ausstellungsköpfe Perücken. Was hinter den Begriffen tatsächlich steht, lerne ich im Gespräch mit Norma und Steve Aviolat. Sie hat die Firma zusammen mit ihrem Mann Michel Aviolat aufgebaut. Sohn Steve und seine Schwester Laila stehen für die zweite Generation. «Wir sind ein Familienunternehmen», erklären sie unisono. Norma Aviolat fährt fort: «Wir helfen Betroffenen bei unterschiedlichsten Formen von Haarausfall. Denn die Ursachen sind individuell.» Er könne erblich bedingt sein, durch einen Unfall entstehen oder medizinische Ursachen– nicht selten Chemotherapie- haben. «Es gibt teilweisen Haarausfall, manchmal wächst das Haar wieder oder der Haarausfall bleibt – kein Mensch kommt mit derselben Geschichte zu uns.»

Mit diesem Satz sind wir mittendrin. «Unser Haar ist Teil unserer visuellen Identität. Verlieren wir es, wird nicht nur eine Krankheit für alle sichtbar. Unser Spiegelbild kann zur Belastung werden, denn es möchte sich wohl keiner mit einer Krankheit identifizieren.» Darum sei der Idealfall wenn Brustkrebspatientinnen bereits zu ihnen kämen, sobald sie von der kommenden Chemotherapie erfahren. «Dann können wir genau analysieren, wie die Frau ihr Haar trägt. Welche Farbe es hat und welche Auffälligkeiten, eine graue Strähne oder Wirbel, für das Zweithaar beachtet werden müssen.» Der nächste Schritt sei das Aussuchen einer Perücke, die möglichst nahe an das natürliche Vorbild herankomme. «Jetzt sind wir bei den Vorurteilen.» Norma Aviolat spricht mit Nachdruck weiter. «Wenn eine Frau sich für Zweithaar entscheidet, ist die Perücke der Anfang, nicht das Resultat.» Farbe, Haarschnitt und -dichte, die Kopfform – jedes noch so kleine Detail werde angepasst. «Sich für Zweithaar zu entscheiden, bedeutet das gesunde Spiegelbild zu erhalten. «Kein Mensch kommt fertig aus der Box.»

Langsam beginne ich zu verstehen, warum Haarverlust keine Kleinigkeit ist. Selbst dann nicht, wenn man ihn einem möglichen Sterben gegenüberstellt. «Der Erhalt des Spiegelbildes stärkt die Lebenskraft. Die Frau selbst und ihr Umfeld spüren Stabilität. Sie haben eine Sorge weniger.» Dafür setzen sich die Familie Aviolat und all ihre Mitarbeitenden ein. Geht nicht, gibt’s nicht. Braucht es neue Verarbeitungstechniken für Zweithaar werden sie entwickelt.

Wie gehen sie mit all den Lebensgeschichten um, die an sie herangetragen werden, will ich von meinen Gesprächspartnern wissen. «Das eine ist die Arbeit an sich. Das andere sind die Rückmeldungen, sind Reaktionen», schildert sie. «Wenn eine kleine Tochter es kaum aushält, die kranke Mutter genau anzuschauen und nach Anpassung des Zweithaares kann ich beobachten wie sich die Anspannung löst, dann weiss ich, dass wir etwas bewirken können. Das Gefühl ist kaum zu erklären.»

Wir machen noch einen Rundgang durch das Unternehmen, bevor ich mich verabschiede. Am Ausgang steht gerade eine Frau am Informationstresen. Ich stutze einen Moment. Ich erkenne sie erst auf den zweiten Blick wieder. Vor zwei Stunden trug sie einen wunderschönen Turban, doch wirkte sie verloren klein im Empfangsbereich. Jetzt ist ihre Präsenz eine andere. «Kein Mensch kommt aus der Box, keine Frau ist wie die andere.» Ich lasse einige Vorurteile hinter mir. Ich wünsche allen Frauen – ob gesund, an Brustkrebs erkrankt oder geheilt: «Bitte habt den Mut, euch auf eurem persönlichen Weg unterstützen zu lassen.»

Mein Dank für diese Geschichte geht an Norma und Steve Aviolat. Weitere Infos zum Angebot des «Hair Centers» auf www.thehaircenter.ch


 

Ich war heute einkaufen. Auf dem Weg vom Parkhaus ins Geschäft wollte ich den Fahrstuhl nutzen. Doch der Lift war voller Einkaufswagen. Jener Mitarbeitende, der sie gerade im Untergeschoss eingesammelt hatte, winkte mir: "Sie händ scho no Platz." "Danke viel mal." Ich setzte hinzu: "Eigentlich chönnted dLüt dWägeli au wieder am Igang deponiere. Das würd Euch Arbet spare." Er lachte, hob in einer angedeutet betenden Geste die Hände gegen die Decke. "Eigentlich..." Wir seufzten beide leicht und wünschten uns einen schönen Tag. Die Szene setzte sich in meinem Hinterkopf fest. Geht es bei überall stehengelassenen Einkaufswagen um Vergesslichkeit? Bequemlichkeit? Eile? Dabei ist die vierrädrige Konstruktion das das Paar zusätzliche Hände, das trägt, was uns zu schwer ist. Als Dank für diese Dienstleistung könnten wir die Wagen doch wenigstens nach Hause kutschieren. Damit würde auch ihr Hüter befreit und könnte vielleicht eine erfüllendere Aufgabe finden...