Bisher habe ich Berufs- und Lebensentwürfe anderer Menschen vorgestellt. Diesen Monat habe ich entschieden von eigenen Berufserfahrungen zu schreiben. Nein nicht jene als Autorin. Ich war vor inzwischen beinahe zehn Jahren das erste Mal als Kassiererin im Verkauf tätig. Ich will hinzufügen, keine acht Stunden und nicht in einem Lebensmittelgeschäft. Aber auch ich habe das Phänomen der Unsichtbaren kennengelernt. Es gab Menschen, die ihre Produkte zur Aufnahme vor mich hinstellten ohne ein Wort zu sagen. Auf dem Weg zum Kartenlesegerät blickten sie kontinuierlich an mir vorbei. Auch wenn ich ihnen im Anschluss mit einem "Ich wünsche ihnen einen schönen Abend" den Kassenzettel entgegenstreckte, war das Papier auf jeden Fall interessanter als ich. Dazwischen gab es schöne Highlights. Eines Tages kam ein französisch sprechendes Paar mit ihrem Fernseher zur Kasse. Sie hatten eine Frage zur Garantie, die ich ihnen problemlos beantworten konnte. Ihnen folgte ein Engländer - das entnahm ich seiner Wortwahl. Auch ihn verabschiedete ich in seiner Muttersprache. Den nächsten Kunden kannte ich, er war mindestens einmal im Monat auf der Suche nach neuen elektronischen Gadgets. Ich begrüsste ihn auf Schweizerdeutsch. Er blieb immer noch wie angewurzelt stehen. Irgendwann platzte es aus ihm heraus: "Sie sprechen Fremdsprachen." Die Äusserung betrachtete ich als Kompliment, gleichzeitig machte sie mich nachdenklich. Warum werden Menschen je nach Berufsgattung als intelligent oder ungebildet eingestuft? Tue ich selbst das auch? Ich begann meinen eigenen Umgang mit Menschen in sogenannt "niedrig qualifizierten" Berufen zu beobachten. Ich fragte mich: Wie würde ich mich benehmen, wenn es mein Job wäre Toiletten zu putzen? Den Müll im Zug aufzusammeln? Die Antwort: Ich wäre frustriert und nicht halb so freundlich, wie die meisten Menschen, die ich getroffen habe. Heute bin ich sehr dankbar für jede Person, die einen Aufgaben übernimmt, die ich nicht haben will. Und ich nehme mir die Zeit, diesen Dank auszudrücken. Ich rede mit den Männern und Frauen. Daraus ist manch schöne Begegnung entstanden.

 

Mittlerweile bin ich wieder im Verkauf tätig - an einem Informationspunkt. Ich arbeite daran, mich nicht von der kultivierten Hektik anstecken zu lassen. Sie ist vielen zur Gewohnheit geworden, selbst wenn sie wissen, dass es ihnen nicht gut tut. Ich bitte Sie: Nehmen Sie sich Zeit. Begrüssen Sie die Kassiererin im Supermarkt. Haben Sie Geduld, wenn das Münzfach leer ist und die Rolle mit den Zweifränklern nicht aufgehen will. Sie können dabei durchatmen. Und die Kassiererin auch - Sie wird es ihnen danken, dass weiss ich aus Erfahrung. Als Person existent zu sein und nicht unter Druck gesetzt zu werden, ist ein wunderbares Geschenk. Ich gebe gerne und freue mich gleichermassen über die Präsente ruhiger Begegnungen.